Bernd Schuchter: Der Braumüller Verlag und seine Zeit

235 Jahre – eine Verlagschronik 1783 – 2018

Braumüller
Wien 2018

braumueller_chronikEs ist viel die Rede von Literatur, es ist oft die Rede von Autorinnen und Autoren bzw. deren Werken, was jedoch Seltenheitswert hat, ist die Auseinandersetzung mit einer Verlagsexistenz über 235 Jahre:
„Am Vorabend der französischen Revolution sucht der aus Salzburg stammende Johann Ritter von Mösle in Wien um eine Konzession für ein Verlags- und Sortimentsgeschäft an, die er am 26. März 1783 auch erhält. Das ist der Beginn einer mittlerweile 235-jährigen Geschichte, auf die der seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts unter dem Namen Wilhelm Braumüller firmierende Verlag zurückblicken kann.“

Der Autor, Verlegen und Historiker Bernd Schuchter hat sich an die akribische und zugleich im besten Sinn unaufdringliche Recherche gemacht und eine mit wunderbaren fotografischen Aufnahmen illustrierte und ästhetisch aufgemachte Verlagschronik zusammengestellt, die einerseits das Gesellschaftsgeschehen über beinahe zweieinhalb Jahrhunderte aufrollt und andererseits eine Schau auf die spezifische Entwicklungsgeschichte des Braumüller-Verlags selbst eröffnet.
Bernd Schuchter zeichnet den Entwicklungsweg des Verlages im Spiegel der jeweils aktuellen gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse sowie des Literaturbetriebs.

Angesprochen werden auch Tendenzen im Verlagsgeschehen überhaupt:
Beispielsweise „der“ beinahe zeitlose „Kampf der Autoren um eine angemessene Honorarabgeltung“ oder im Speziellen die „wienerische Anbiederung der Verleger an Kunden“, ein Zitat des legendären Gründerzeitverlegers Kurt Wolff, der u.a. Franz Kafka, Georg Trakt oder auch Gottfried Benn herausgab.
Ebenso behandelt werden die technischen Entwicklungen, das je nach politischer Lage wechselnde Leseverhalten, Zensurgehabe, die Auswirkungen der amerikanischen Unterhaltungsindustrie und schließlich auch die Findigkeit Braumüllers:
„Die Wilhelm Braumüller Verlagsbuchhandlung wurde jedenfalls kurz nach den Revolutionswirren im Jahre 1849 zum alleinigen Buchhändler für die neu geschaffene Akademie der Wissenschaften.“
Die Mechanismen des Nationalsozialismus machten auch vor dem Braumüller Verlag nicht Halt. Der Verlag fand sich „in diesen Jahren in widrigen Gewässern, intellektuell gesehen in stürmischer See.“

Hoffnungsfroh macht die aussagekräftige Schlusssequenz des Buches, in der der Verleger Wilhelm Braumüller fiktiv dem idealen Leser begegnet und zu ihm sagt:
„Es geht am Ende nicht nur um den Verkauf. Es geht um die Leserin, den Leser. Es geht um das Buch.“

Ein empfehlenswertes Buch, das auch aus einem idealistischen Gestus heraus gemacht ist.

Petra Ganglbauer

Ingrid Zebinger-Jacobi: Ich lege mein Herz

Kurzgeschichten

edition keiper
Graz 2019

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Auf eine höchst unprätentiöse und zugleich sensible Weise sind die Kurzgeschichten im vorliegenden Band gebaut. Die Verschränkung aus Schlichtheit und einem ebenso geheimnisvollen wie selbstverständlichen Übergang von der Tagesrealität zur Imagination machen Ingrid Zebinger-Jacobis Buch „Ich lege mein Herz“ zu etwas Besonderem.

Stets unternimmt die Autorin seelische Tiefgänge, Jacobi spricht vom Leben, von unmöglicher, möglicher oder auch imaginierter Liebe oder auch deren Gegenteil – jedoch sie doziert nicht, sie trägt nicht dick auf, sie deutet vielmehr an, setzt raffinierte und pointierte Wendungen ein und lässt die Sprache atmen.

Aus einer liebevollen Zartheit sind diese Geschichten gebaut: „Als du ganz neu warst und unversehrt und die Welt noch aus knallbunten Spielsachen bestanden hat…“

Und etwas weiter im Text: „Dann kam ein Wind auf, blies dich ins Älterwerden, in die Schule und morgendliche Müdigkeit und das Füßestampfen…“

Satzbauspezifika bereichern die Texte, etwa Wortnachstellungen beispielsweise in „Metamorphose“: „…war sie an mir vorübergefahren, die Zeit, hatte mein Leben weit hinter sich gelassen…“

Präzise und zugleich seltsame Bilder verstärken die Wirkung der Texte: „…mein Kreuz schmerzte, mein alter Rücken.“, „…über mir sprang ein Eichhörnchen herum und besah mich wie ein Stück Fleisch.“

Repetitionen verstärken den Nachdruck: „Sie schob es weg, wie immer. Atmete die kühle Luft, schwitzte. Schob es weg.“

Ansprechend ist auch der Titel dieses Buchs, der der Kurzgeschichte „Italienische Reisen“ entnommen ist.

Ein gelungenes Buch!

Petra Ganglbauer

Walter W. Hölbling: Gemischter Satz

Gedichte #13

Gangan Verlag
Stattegg 2019

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„leben – dunkles – lieben – natur – reisen – welt – worte“

7 Abteilungen. Prosagedichte. Hauptsächlich. Voller Zartheit, Vorsicht, Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit. Und voll von Weltliebe.

  1. Das Drehen der Dinge in den Händen. Der Abstand in „die welt wird langsamer“ – das Altern. Ein genaues Hinsehen und treffende Bilder wie dieses: „hauchdünne nebelschleier schieben sich/milchzart/zwischen die dinge und mein wollen“. Das hat an sich nichts mit dem Altern zu tun und kennzeichnet dennoch eine Art, sich langsam aus der Welt zu verabschieden. Die „kanten der objekte/werden stumpf und weich“. Es ist (auch) ein Absterben: „worte gerinnen zu abstrakter starre/ in der die dinge ewig unverändert bleiben“, ja, es ist „ein todesahnen/das mir am nacken tastet/und mich für eine weile/des trosts der ständigen veränderung beraubt“. Das Leben entfernt sich „mit weiten schritten“ und „die küchenuhr tickt lauter als gewohnt“ – ein Memento Mori, das „die zeit/von hier bis zu den sternen“ misst. Aber so ist er eben, der ewig gleiche Gang der Zeit. Das Leben ist kurz, die „schleier meiner kurzen ewigkeit“ werden „sanft und bestimmt“ „in die vergangenheit“ geschoben.
    Dieses erste ist ein wunderschönes Gedicht, das den ganzen Gedichtband von Walter Hölbling einleitet – eine ausgezeichnete Einleitung, die das Ganze des Buchs im Voraus umreißt und umfängt. Es leitet zugleich auch den ersten Teil der Gedichtsammlung ein, weise Worte, abgeklärte, übers Leben, über das Leben und den Tod, über Kindheit, Erwachsenwerden, Liebe, Zusammenleben und Scheitern an Beziehungen, Schwierigkeiten in Familienleben und Alltag, oft auch humorvoll, ein wenig an den Stil Eugen Roths erinnernd: „tochter erweist sich als ergebene mutter/vater brät sehr gekonnt den fisch in butter“ – Hölbling macht sogar selbst im Buch auf Parallelen zu Roth aufmerksam, wie zum Beispiel in „lebenswitz“ (Seite 21). Und als (Alters)Weisheit lassen sich Gedichte wie „geborgenheit der täglichen monotonie“ (Seite 17) lesen.
  2. In „dunkles“ geht es um Themen wie Abend (des Lebens), um Alter und Tod, Schatten, Trauer, und da wird es beizeiten bitter, findet sich kein Trost mehr: „im dunkeln der gedanken/verbergen schluchten sich/von bitterem asphalt“. Splitter, Kälte, Eis, Stürme, ein Verstummen, ein eisiges Schweigen, ein Erstarren nimmt Platz – viele Metaphern, die mit Jahreszeiten zu tun haben.
  3. „lieben“ hingegen, da kommen Erinnerungen hoch, die Liebe ist aber kosmisch gemeint. Ewigkeit, Strahlen, ekstatische Explosionen, Traumland, Verzaubertsein, Sehnsucht, die die Ruhe stört und scharfe „dornenranken/tief in meiner seele wände“ gräbt, dabei ist es, wäre es – „so einfach“…
  4. „natur“ – „frühling“: Das sind Assoziationsbilder zur Mutter, während „herbst“ auf einen Winter (Vater?) hinweist und auf ein Schwachwerden und Vergehen der Menschen. „natur“ und ich – sehr schöne Bilder, vom Wind als Freund, dem Regen als Lover, der Sonne als Bruder, dem Mond als ein „anderes“, Verzaubertes, – und wieder eine Metapher vom Gehen, Weitergehen, Vergehen. Als eine Aufforderung zum genaueren Hinsehen, aufmerksameren Schauen lese ich „sommerabend“: „die schönheit der natur/verschwindet oft in den gesprächen/wird zum bloß angenehmen hintergrund/der uns die zunge löst“… Ähnlich: „unsere welt“: „täglich auf jagd nach lügen daten quoten/terminen konferenzen autobussen/vergessen viele auf die welt/die uns all dies erlaubt zu tun“. Hölblings Wintergedichte scheinen mir überhaupt als Mahnung gedacht zu sein, als Nachdenk-Impulse.
  5. „reisen“ berichtet von Plätzen, die etwas ausgelöst haben, Erinnerungen, die hochkommen bei Orten wie Cividale, Cormons, Duino, Triest, Spilimbergo – viel Italienisches also taucht auf, das Friaul, und nur ein einziges Mal, aber das darf nicht fehlen, sogar ein klein wenig aus seiner zweiten Heimat Amerika, „kentucky fried chicken“, – mit einem Augenzwinkern. „die fremden“, „fremd“ – das Nachdenken bleibt jedenfalls nicht aus „über den dingen“.
  6. „welt“, da wird viel nachgedacht und vieles angezweifelt, da gibt es durchaus auch mal Elemente von Wut und Verzweiflung wie in „aus dem lot“: „man wird darob äußerst ergrimmt“, „es läuft“ eben „eine sehr dünne linie/zwischen nachrichten und machtrichten“, und es gibt Aufforderungen zum „besseren Leben“ wie in „blickwinkel“: „betrachte die welt/ mit den augen der liebenden/ nicht der jäger“ und das mahnende „denk an die kinder“. Es handelt sich ganz eindeutig um „dichtung in zeiten der flüchtenden“, schwierige Zeiten eben, und „heimat?“ mit Fragezeichen, eine „schande der welt“, „wenn es eine lüge ist, zu reden,/ und eine andere, zu schweigen/ nicht einfach“. Dieses Kapitel ist übrigens mit Abstand das umfangreichste, hier finden sich 25 Gedichte.
  7. „worte“, Nachdenken übers Schreiben, übers Dichten – auch ironisch, gleich im ersten Gedicht dieses Kapitels „dichterleben“ – sehr witzig übrigens! Also lustig im Sinn von geistreich. Ernster dann schon „dichterworte“. Es sind eben „feuerzeichen“, die gegeben werden sollen, – das Wort als Schwert. Experimentelles aber auch, das Spiel mit Worten in der „seinswelt“, immer aber auch die Kostbarkeit von Sprache, der Muttersprache in „sprache“. Und dann das Gelegenheitsgedicht, „strahlend schön“, und das Gedicht „traumfliegen“, das an das im Buch enthaltene Bild von Ichikawa erinnert oder vielleicht auch davon inspiriert ist. Der Vergleich von Sprechen und Singen mit  Fliegen – sehr beeindruckend! Und dann wie Sand, wie Wind, zerstreut, verflogen… eine „welt ohne mich“. Was da alles passieren kann, Naturmetaphern in der Sprache, eine Konklusio des ganzen Bandes: „wortvorhänge“ und „wortwelten“. Was bleibt? Eine „verzweifelte zwiebel“ – wie in der berühmten Peer Gynt Metapher. Nichts bleibt, vielleicht Tränen… und ein Bild von Ruth Mateus Berr…

Bilder von befreundeten Künstlerinnen, – Hölbling hat ausschließlich Frauen für die bildnerische Ausstattung seines Buches erwählt, – machen das Buch nicht nur zu einem edlen, sondern auch zu einem schönen: Beate Landen („flower of loss“, „orchid blossoms“, „herbst“), Yuko Ichikawa („traumfliegen“, „the brilliance“), Herta Tinchon („some music“) und Waltraud Mohoric („world“) markieren jeden neuen Themenabschnitt  und ihre Bilder, meist Aquarelle, durchziehen das Buch wie Traumfänger, Nebelschwaden. Als würde dieses lyrische Element, diese Farbigkeit, Naturverbundenheit, kreatürliche Allverbundenheit ihm besser passen zu den in diesem wunderbaren Lyrikband angeschlagenen weichen, sanften Tönen. Da kommt keiner mit der Peitsche daher, da baut keiner artifizielle Gebäude, da wird organisch und aus Situationen, Landschaften, Stimmungen und Wetter heraus im wahrsten Sinn des Wortes „gedichtet“.

Danke, Walter – ein zartes, schönes, gehaltvolles, sehr lyrisches Buch!

Andrea Wolfmayr

Petra Ganglbauer: Gefeuerte Sätze

Gedichte

Limbus Verlag
Wien 2019

Auch in ihrem neuen Gedichtband „Gefeuerte Sätze“ mit den Kapiteln „Gewalt Muster“, „Revisited“ und „Blessuren“ geht es Petra Ganglbauer, wie schon der Titel programmatisch verkündet, um Aggression, Angriff, Gewalt, Krieg, Leid: „Immerfremd in diesem Krieg zum Fressen: / Lieb schürfen wir uns aneinander ab. / Unsere unnütz gewordenen Wörter: / Darunter! Unter!  / Der Schicht aus gedrucktem Schwarz / Kehren die Toten ganz in sich zurück. / Bewegen sich auf uns zu  / (Als Kraterdasein)!“ Hinschauen, Erkennen, Aufgreifen, das fordert Petra Ganglbauer (erneut) und die Leserin/der Leser fühlt sich angehalten, bei jedem einzelnen Gedicht inne zu halten (kein gieriges Verschlingen), um stundenlang über dieses nachzudenken, dieses bis in seine Einzelteile zu dechiffrieren.

„Phalanx / Aus gedächtnislosen Wesen“ lautet eine Verszeile, mit der sich die Autorin auf uns (?) bezieht, auf alle, die das Wissen um Verhetzung, Verfolgung, Völkermord beiseite schieben, sich wegdenken (möchten) von den (nackten) Tatsachen, die im Zugeben des Schrecklichen sofort einen Aber-Satz hinterherschieben, Vergleiche, unstatthafte Vergleiche, Gegen- und Aufrechnungen,  nur um das eigene Nichttun zu rechtfertigen, um nichts tun zu müssen. Viele unserer Politiker, gedächtnislose Wesen, alte wie junge: die alten, die – wie es scheint – vergessen haben, dass schon einmal die Wortwahl Ouvertüre war für eine Todesmaschinerie, die jungen, die in fast autistischer Weise sich einer hinterhältigen Wortwahl bedienen, von der sie sehr wohl wissen (und hämisch registrieren), dass bei einem nicht geringen Teil der Bevölkerung die niederträchtigsten Instinkte angetriggert werden (hier sei verwiesen auf den Facebook-Account eines „Herbert Tusch / Innsbruck“, in welchem in bezug auf eine AutorInnenliste zu lesen ist/war: „Super jetzt haben wir eine Liste und wenn es dann soweit ist wissen wir wer abgeholt werden muss.“)

In der Phalanx der gedächtnislosen Wesen stehen aber auch so manche Medien stramm wie beispielsweise jene Gratiszeitungen und Internetforen, welche in ihren Kommentaren zum Zeitgeschehen nicht müde werden, eine (subtile) Hetze zu betreiben und Ressentiments zu schüren. „Die Bezeichnungen verleihen den Dingen / Ihre Macht“, so Ganglbauer und die die IG Autorinnen Autoren konstatiert anlässlich ihrer Generalversammlung im Februar 2019: „Die Verrohung von Sprache ist Leitsymptom für alles, woran die Gesellschaft krankt.“

„Die Stringenz der Verfolgung / (Hinterhalt und Falle!) / Setzt / In Bildreihen fort: / Die Stringenz der Verfolgung / (Hinterhalt und Falle!) / Setzt / In Textreihen fort und gestaltet / Den Raum für Wirklichkeit.“

Ganglbauer fordert uns auf, diesen Raum für Wirklichkeit zu gestalten. Dazu brauchen wir keine Lyrik der Nachtmusik und auch keine dagegen: Anstatt die Lyrikproduktion „hypertrophiert“ zu bezeichnen, und dieser Hypertrophie mit einer Eigenproduktion noch eines drauf zu setzen, wäre manchem Kritiker oder Journalisten ins Poesiealbum geschrieben, in Petra Ganglbauers Lyrik einzusteigen und die Stimme der Grande Dame der österreichischen Gegenwartslyrik zu hören, jener Stimme nämlich, die ernsthaft etwas zu sagen hat.

Erika Kronabitter

Gerald Ganglbauer: Ich bin eine Reise

Eine autobiografische Montage

Gangan Verlag
Stattegg 2014

CoverGeboren als Bleistift in Graz, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Das Zitat am Beginn Ganglbauers autobiografischen Werkes verweist auf die besondere Sicht, die der tief in der steirischen Literaturszene verwurzelte Verleger (perspektive) auf seine Heimatstadt Graz hat. Die eines Auslandssteirers mit Außensicht, der erst 2013 heimgekehrt ist. Der Autor gibt intime Einblicke in sein Leben und seine zahlreichen Reisen. Er schreibt über die Intensität der ersten großen Liebe, den Versuch, sich mit einem Ein-Mann-Betrieb über mehrere Kontinente hinweg den Lebensunterhalt zu verdienen und wie Morbus Parkinson sein Leben verlangsamt hat.

Natalie Resch

Marc Adrian: Die Wunschpumpe

Eine Wiener Montage

Gangan Verlag, Sydney und Wien 1991
304 Seiten, 40 Illustrationen, gebunden

die_wunschpumpemarc adrians pumpe fördert allerhand zutage, läßt keine wünsche offen, dabei plumpst vieles, das sich bis dato mächtig ins zeug legen konnte, wie nichts weg. als würde der GSCHWINDE eine liaison mit dem johannesevangelium in der löwengasse vom zaun brechen wollen, auf daß es dem GERONIMO die augen in ein wiener schnitzel katapultiert: hier steht sie vor uns – die zusammenfügung scheinbar disperatester teile, und doch könnte man sich keine anderen vorstellen, um selbst nestroys geist zu beschwören: „i sags nur, weul i grad davon red“, oder so ähnlich. scharf geschnittene kader klatschen da auf noch schärfere. dem voyeur sind alle möglichkeiten geboten. – schließlich öffnet nicht alle tage das „kunstwerk, die dichtung“ als „ein ort der macht des negativen denkens“ die vulva wie das erstbeste scheunentor eines klapprigen denkens. gegen diese wunschpumpe verkommt selbst die „seelandschaft mit pocahontas“ zu einem zarten lercherlschas innerhalb der deutschsprachigen literatur dieses auslaufenden zwanzigsten jahrhunderts. was schmidt forderte („der grundirrtum liegt immer darin, daß die zeit nur als zahlengerade gesehen wird, auf der nichts als ein nacheinander statthaben kann. ‚in wahrheit‘ wäre sie durch eine fläche zu veranschaulichen, auf der alles ‚gleichzeitig‘ vorhanden ist“), löst adrian ein, wobei noch hinzukommt, daß es bei ihm nichts flaches gibt. dagegen würden sich auch seine protagonisten (z.b. der LEWENDICHE, die HAMBURGERIN und der TEXASHIAS) verdammt stemmen.

Gerhard Jaschke

Gerald Ganglbauer: Geografie der Liebe

132 Seiten, ISBN 978-3-900530-33-4
Gangan Verlag, Stattegg 2016

Von Andrea aus Deutschland, Beate aus Graz, Cynthia aus Japan bis hin zu Zalina aus Russland sind hier das gesamte ABC der Frauennamen und viele Nationen dieser Welt zu finden. Viele Frauen, viele Orte, ein Mann – und seine Leidenschaft. Passion, Liebe, Lust.

Aber dieses Buch ist keine angeberische Aufzählung der Bettgeschichten oder Liebessachen des Autors. Es ist vielmehr ein Stück Lebensgeschichte, das dem aufmerksamen Leser intime Einblicke in die diversen Lebensphasen und Gedankengänge Gerald Ganglbauers ebenso wie intime Einblicke in dessen Schlafzimmer gewährt.

Die erotische Note der Erzählungen entlarvt das voyeuristische Lesevergnügen, zugleich bestechen die z.T. wie eine Chronik präsentierten Darstellungen in ihrer sachlichen Präzision und Klarheit. Kühne Lebensentscheidungen und Umzüge, unkomplizierte Affären und berauschende One-Night-Stands finden alle scheinbar gleichberechtigt ihren Platz im Buch und in der Lebensgeschichte des Autors. Alle Begegnungen zählen, alle Frauen haben einen größeren oder kleineren Eindruck auf seinem Weg hinterlassen. Und er zollt ihnen Respekt – trotz oder vielleicht sogar aufgrund der bestechenden Ehrlichkeit, mit der Gerald Ganglbauer die verschiedenen Episoden schildert.

Denn am Ende geht es um Liebe. Und nur wenige haben den Mut, freie Liebe öffentlich zu plädieren und v.a. selbst wirklich zu leben. Gerald Ganglbauer ist einer von ihnen. Und sein Buch ist ein einzigartiges Zeugnis davon.

Barbara Ladurner

Helwig Brunner: Journal der Bilder und Einbildungen

Essay 68

Literaturverlag Droschl
Graz-Wien 2017

Brunner-Journal-DroschlEine phänomenologische Zusammenschau bietet dieser Essayband, – konzise (Über /) Wirklichkeitssetzungen, die die Interdependenz von Blick und Objekt, von Ich und Welt verdeutlichen.

Ein achtsam und gründlich gebautes Werk, das in „Cuts“ oder Bildschnitte, Abschnitte also gegliedert ist, die sich allesamt im Kontext Kunst / Sprache / Existenz / Wahrnehmung finden und stetig rückgebunden bzw. verstärkt werden durch intertextuelle Bezüge. (Ein reicher Zitatenschatz aus Philosophie, Literatur oder Wissenschaft).
Dieses Journal offenbart zudem Welt in all ihren Facetten, – sie spiegeln einander, der Körper, die Sinne, die Religion, das Metaphysische, die Literatur und die Natur.
Alltagssequenzen wechseln mit Videoeinstellungen, imaginäre Bilder mit Ausstellungen, Kindheitserinnerungen sind in dem Buch ebenso enthalten wie der manifestierende Satz „Wir sind Weltkulturerben.“ Manches wirkt wie hingesprenkelt, leuchtend, chromatisch, anderes wiederum taucht tief ab.

Spannend ist dieses Werk darüber hinaus, weil es nebst immerwährender menschlicher Fragestellungen auch das aktuell Politische berücksichtigt. So gesehen wird die Qualität der in diesem Band angesprochenen zeitlosen (ewigen) Themen auf die Höhe der Zeit gehoben! Die von Helwig Brunner ausgewählten Zitate fügen sich in schöner Korrespondenz seinen eigenen tiefgehenden Überlegungen und konzisen Beobachtungen.

Ein Buch das man, einmal zu lesen beginnend, nicht mehr so leicht aus der Hand legt!

Petra Ganglbauer

Erika Kronabitter: La Laguna

Roman

Verlag Wortreich
Wien 2016

Erika Kronabitter arbeitet seit Jahren konsequent im Kontext verschiedener literarischer Gattungen, mehr noch, sie unternimmt Quergänge, Übergänge, Grenzüberschreitungen und setzt ihre Bücher auch immer wieder konzeptuell um.
Jüngstes Beispiel ist ein Roman, der auf autobiografischer Erfahrung basiert, dahingehend auch Geheimnisse transparent werden läßt und doch und dennoch – beinahe raffiniert – auch mit dem Krimi-Genre spielt und eine sehr geordnete Gliederung aufweist:
Kapiteltitel (und seien die Texte, Kapitel auch bisweilen kurz), die Klarheit signalisieren. Ebenso finden sich in diesem Roman E-Mail-, wie auch Behördenzitate.
Der Roman ist also dergestalt aufgebrochen und gewinnt trotz einer gewissen Schwere des Themas an formaler Leichtigkeit!

Das Buch umkreist die Liebe von Hanna und Beppo Ende der Fünfziger Jahre / Anfang der Sechziger Jahre – die Rede ist aber auch von Elena, der gemeinsamen Tochter – und zeichnet , trotz Handlungsintensitität (ein ungeklärter Mordfall) und Plastizität, auf eine ganz eigene, sensible und behutsame Weise die Charaktere und Situationen „Im Nochdunkel drang ein Wischen in den Schlaf…“

Was sich im Laufe der Geschichte abzeichnet, ist mehr als mysteriös – die Autorin erzählt ihren mithin sehr authentischen Zugang, ihre Version eines Geschehens.

Ein Buch, das sich gerade jetzt, in dieser anregenden, aktivierenden Jahreszeit (es ist Sommer) überallhin mitnehmen und Passage für Passage gut und auf spannende Weise erkunden lässt.

Petra Ganglbauer

Dine Petrik: Funken.Klagen

Gedichte

Verlag Bibliothek der Provinz
Weitra 2016

Eine entschiedene, souveräne lyrische Stimme artikuliert sich im vorliegenden Band, eine Stimme, die von großer Produktivität spricht.

Dine Petrik, Verfasserin zahlreicher Bücher, steckt konsequent verschiedenste inhaltliche Bereiche ab und doch liegt über dem Band eine grundsätzliche Stimmung, die sich aus Geschichte und (An)Klage, metaphorischen Landschaftsexkursen, dem Intimsten oder auch Reiseeindrücken heranbildet.

Bestärkender (!) Trotz, Widerspruch, Widerhall artikulieren sich da auch als konsequent lyrische, rhythmische Setzung, die bisweilen staccatoartig lauter wird, das innere Ohr oder Auge trifft und anspringt. Wie der Titel besagt, werden poetische Flammen entfacht, sie leuchten und zischen und laden alles, wovon die Rede ist, auf. Hinter jeder Passage, wenn auch meist nicht explizit, steht Haltung, – diese Gedichte zeugen von einem starken Rückgrat!

Gustave Flaubert leitet den Band ein – die Kapitel sind mit BURLESK, PITTORESK und GROTESK übertitelt und stecken die Empfindungsräume gewissermaßen ab.

Empfehlenswert.

Petra Ganglbauer