Manfred Chobot: Lebenslänglich Wichtelgasse

Wiener Erkundungen

Löcker Verlag
Wien 2012

Mit seinem jüngsten Buch erweist sich Manfred Chobot einmal mehr als Autor, der vom ernsten bis zum lakonischen oder sarkastischen Duktus alles beherrscht. Gerade hinsichtlich der vorliegenden Themen erweisen sich die stilistischen und Genre-Wechsel als den Inhalt verstärkende Instrumentarien.

„Lebenslänglich“ sind wir den Mechanismen der immergleichen gesellschaftlichen und kleinbürgerlichen Rituale ausgesetzt bzw. gestalten diese mit – der Autor unternimmt einerseits sachliche, andererseits humorvolle Diskurse zu den Themen Müll (Entsorgung) oder Shopping, die Donau, Strandbaden oder auch Vereinsmeierei.

Zudem sind die jeweiligen Titel ausgesprochene Impulsgeber: „MÜLL – EIN ANFALL UND EINE ABFUHR“ heißt es beispielsweise.
Chobot spiegelt äußerst treffend Banalitäten, Unausweichlichkeiten und festgefahrene Muster von Durchschnittsmenschen und deren Aktionsradius, die kleinen Passionen, Fallen und Verführungen. Der Autor entwirft dabei auch ausgesprochene Typologien von Menschen.

Ein empfehlenswertes Buch, das aufzeigt, wie humorvoll und spannend der Alltag und seine kleinen Abgründe in dieser unserer urbanen spätkapitalistischen Wirklichkeit sein können.

Petra Ganglbauer

Stefan Bergsmann: Aufgestaut

Beschleunigte Gedanken über den Stillstand

Resistenz Verlag
Linz-Wien 2012

Aufgestaut CoverDer Autor ist ein ebensolcher Spießer, wie die Figur in seinem Buch: Diese Behauptung maße ich mir an, nachdem er mich auch in einem zweiten Schreiben wiederum als Sehr geehrter Herr Ganglbauer angesprochen hat, trotz meiner legeren Antwort, wie eben Autoren und Verleger hierzulande kommunizieren.

Dennoch ist dieser kurze Text eine Reihe sehr sympathischer Gedanken, wie sie einem am Weg zur Arbeit im Stau steckenden Spießer durch den Kopf gehen, oder gehen könnten, wäre er kein Spießer. Unser Mann ist ein von (Handels-)Marken umgebener Unternehmensberater, der über sein Leben, seine Mitarbeiter und Marktbegleiter (das zeitgemäße Wort für Konkurrenten) sinniert, das Alfa Logo am Holzlenkrad betrachtet und auf die teure Breitling Uhr starrt, die ihm jedoch, Stoßstange an Stoßstange, auch keinen Zeitvorteil bringt.

Solche Agenturmenschen gibt es in Wien zu Hauf, aber sie schreiben selten – am Weg zum Burnout – dass sie sich mit hoher Geschwindigkeit darauf zu bewegen. Und genau das bringt Bergsmann selbstironisch zu Papier. Dafür sei das schmale Bändchen jenen Menschen ins Handschuhfach ihres Benz gelegt und zur Lektüre im Stau empfohlen.

Andere drucken Bücher, ich verlege AutorInnen, behauptet sein Verleger Dietmar Ehrenreich. Wenn er Recht hat, wird es von Stefan Bergsmann noch weitere Texte zu lesen geben, so er beruflich die Notbremse zur Verlangsamung ziehen wird. Lieber Stefan, darauf freue ich mich.

Ein kleiner Nachtrag:
Ich habe mich mit dem Autor daraufhin noch ein wenig unterhalten und ihm versichert, dass „Spießer“ nicht persönlich gemeint war und ich das Buch wirklich sehr mag. Und siehe da, er scheint gar nicht so ein Spießer zu sein wie seine Figur. Er nimmt tatsächlich Öffis ins Büro, fährt keinen Alfa, ja besitzt nicht einmal eine Breitling. Andererseits könnte unser nachdenklich philosophierender Held wohl auch ein x-beliebiger Angestellter sein, behauptet er. Also nix gegen Unternehmensberater.

Gerald Ganglbauer

Barbara Balldini: Besser Schlampe als gar kein Sex

Intimer Schriftverkehr

Kyrene Literaturverlag
Innsbruck-Wien 2012

Ballini Sex CoverWas Sie schon immer über Sex wissen wollten … steht hier drin. Ein Orkan von Frau fegt bei ihrem Buchdebüt über Tabus und LeserInnen hinweg. Barbara Balldini lebt in einer Welt des Sexus. Sie führt ein erfülltes Sexualleben. Sie führt eine Praxis für Sexualfragen. Sie führt Gespräche. Über guten Sex. Mit Machos und Softies. Mit braven Mädchen und Vollblutweibern. Sie weiß, wovon sie spricht, und spricht darüber. Mit dir. Mit mir. Mit uns.

Soweit die Werbung des Verlages.

“Sex hat man einfach – da redet man nicht darüber” scheint die gängige Meinung in westlichen Kulturen zu sein. Wie aber ist es, darüber zu schreiben? Wenn ich meinen Freundinnen glauben darf, erreicht erotische Literatur gerade ihren Höhepunkt (womit ich ausdrücklich nicht „Orgasmus“ meine) in den Shades of Grey. Das trifft die geheimen Wünsche der Frauen, wird gemunkelt. Hm. Wollen die es wirklich zu dritt mit wildfremden Männern treiben? In den USA wurden diese sexuellen Fantasien wissenschaftlich erfasst und gereiht. Und ja, genau das ist in den Top 5: 1. Sex mit einem Fremden, 2. Von einem Mann angebetet werden, 3. Im Bett überwältigt werden, 4. Beim Sex von anderen Menschen beobachtet werden, 5. Ein flotter Dreier (aus: Journal of Sexual Medicine).

Aber ist das Literatur? Mein eigenes Wissen über Sex ist groß, denn ich habe einen weiten Weg zurückgelegt, seit ich in der Jugendzeitschrift BRAVO gelesen hatte, wie ein Zungenkuss gemacht wird. Es folgten Lehrjahre und viel Praxis, allerdings ohne Besuche der Abteilung „Erotica“ in den Buchläden, ja nicht einmal Einkäufen in Sexshops. Ich muss zugegeben, dass mir hier gewisse Erfahrungen fehlen.

Ein Bändchen wie dieses zu besprechen, wie ich es mir vorgenommen hatte, fällt somit nicht leicht. Mit einem Film würde es mir besser von der Hand gehen [sic!] als mit einem Buch, denn da kommen ästhetische Kriterien dazu, denen beispielsweise “Une liaison pornographique” von Frédéric Fonteyne mehr als nur entspricht. In einem Buch jedoch hört sich Dirty Talk oft wirklich nur schmutzig an.

Nun, in Barbara Balldinis „Prosa“ gibt es ausreichend davon, aber die Autorin ist ja Sexualtherapeutin und distanziert sich sehr clever, indem sie Briefe von Freundinnen (authentische anonymisierte Korrespondenz, wird behauptet) oder auch Kunden ihres kleinen „Institütlis“ in Vorarlberg zitiert und sachlich darauf antwortet. Also habe ich das Buch zu zweit (nein, nicht zu dritt, zu viert oder in einer Gruppe) an seinem Schauplatz (natürlich im Bett) einem Praxistest durch abwechselndes Vorlesen der Kapitel unterzogen und dabei hat es gar nicht so schlecht abgeschnitten. Es war unterhaltsam, auch wenn wir ein Drittel der Geschichten an den Haaren herbeigezogen fanden, aber einem aufgeklärten und sexuell nicht verklemmten Paar war nichts darin völlig unbekannt. Man muss ja nicht alles nachmachen. Und wenn schon, dann mit Stil.

Eindruck hinterlassen hat jedoch Balldinis philosophische Betrachtung über „Freie Liebe“, die von ihr sehr propagiert wird. Und zwar nicht als „Herumvögeln“ sondern als eine Geisteshaltung, die sich vom üblichen Besitzdenken, somit also dem Ego löst und damit die Welt verbessern könnte. Funktioniert sowohl als Single, als auch mit festem Partner oder im Liebesnetzwerk. Die freie Liebe lässt los. Sie gibt Freiheit und Raum und nimmt trotzdem Anteil. Ein Prozess, der ein Leben lang geübt werden müsse, sagt die Autorin. Du kannst nur treu sein, wenn du auch andere lieben darfst. Wird eingangs Dieter Duhm zitiert. Ach ja, das wäre schön: All you need is love. Love, love, love.

Gerald Ganglbauer

Helwig Brunner: Die Sicht der Dinge

Rätselgedichte

keiper lyrik, Band 2
Edition Keiper, Graz 2012

die-sicht-der-dingeRätselgedichte haben eine lange Tradition, die bis in die Antike zurückreicht, sie tauchten etwa immer wieder in Märchen als Fragen auf, von deren Beantwortung das Schicksal der befragten ProtagonistInnen abhängt, sie waren aber auch als eigenständiges lyrisches Genre weit verbreitet. Meist bestehen sie aus Umschreibungen, die auf Fokussierungen auf wenig beachtete Aspekte des mit dem Lösungswort Gemeinten unter gleichzeitiger Ausblendung von anderen, vertrauteren, beruhen. Und zu beachten sind bei dieser Form stets auch auch die sprachkreativen und sprachreflexiven Elemente. Helwig Brunner transponiert das Rätselgedicht auf höchst gelungene Weise in die zeitgenössische Lyrik, indem er äußerst dichte, sprachlich spannungsvolle Wort-Gefäße kreiert. Denn was ist Lyrik anderes als Fragen zu stellen, zu verdichten, zu fokussieren und auf hoch konzentrierte Weise auf Unbeachtetes hinzuweisen?

Gefragt wird nach „Dingen” oder vielmehr: Die „Dinge” werden gefragt – welche, das wird hier nicht verraten und es lohnt sich auch, beim Lesen die gleichsam als umgekehrte Überschriften unter den Gedichten angegebenen Auflösungen zunächst verdeckt zu halten. Nur so viel: Es handelt sich um Vertrautes oder scheinbar Vertrautes, das die Menschen ständig umgibt, im Alltag, im Leben. Und die Fragen verschleiern nicht, im Gegenteil, sie erhellen und legen Schichten frei: „Ich bin, was du meinst / wenn du sagst, was du denkst, / bin der Punkt am Ende deiner / asymptotischen Rede, die lange / und länger ins Leere läuft, / ohne ihn ganz zu erreichen.” (104)

Und das Beispiel zeigt: Das Ich steckt hier in den Dingen, wie beispielsweise in manchen Rätselgedichten von Franz Brentano, und dieser geschickte Perspektivenwechsel, ja die Perspektivenumstülpung wird avanciert poetisch genutzt. Dadurch erhält der Titel „Die Sicht der Dinge” auch zwei Blickrichtungen: die des Subjekts und die der Dinge. Poesie und Philosophie gehen hier eine überaus fruchtbare Einheit ein. Seismografisch wird die Sprache ausgelotet, die konsequenten Personifizierungen, die Hinweise auf Formkongruenzen und die Verschränkungen von vermeintlichen Gegensätzen schaffen poetische Welten von eindrucksvoller Vielschichtigkeit. Helwig Brunners Rätselgedichte bauen tragkräftige Brücken zwischen Denken und Ding, die überaus viel von den Erscheinungen des kantischen Dinges an sich festhalten und transportieren und dadurch eine Fülle an überraschenden Eindrücken und Einsichten liefern.

Günter Vallaster

Manfred Chobot: Gefallen gefällt

Edition Art Science
Wien-St. Wolfgang 2012

gefallen_gefaellt

Der vorliegende Band besteht, obgleich zu mehreren Zyklen zusammengefaßt, aus zwei Arten von Gedichten.

Zum einen sind kräftige, menschliche Äußerungen in Manfreds Chobots Gedichten verpackt, Texte, die ganz bewußt schonungslos Existenz (URKNALL VORWÄRTS UND ZURÜCK) oder Gesellschaft (MILCHMÄDCHENRECHNUNG) wie auch alltägliche Erschwernisse ansprechen; Überlegungen zu Tod (SCHTEAM), (HOFFNUNGSLITANEI) oder Abschieden (DIE NACHT NACH ALLERSEELEN 2005), verleihen die Texte nachdrücklichst Stimme.
Chobot faßt heftig und laut verbal ins Leben, wie um das Erlebte noch einmal durchzugehen.

Die zweite Sorte Gedichte ist zarter, fragiler, vorsichtiger formuliert; es sind Gedichte, die um- und einkreisen, die das Objekt der Auseinandersetzung nicht festmachen, nicht verwandeln wollen (NACHTGEDICHT), (ZWANZIG ZEHENFINGER).

Eine gelungene, für die lyrische Arbeit des Autors exemplarische Zusammenschau!

Petra Ganglbauer

Bettina Balàka: Kassiopeia

Roman

Haymon Verlag
Innsbruck 2012

Bettina Balaka Cover KassiopeiaDer kleine Tod in Venedig

Seit die Liebe keine Himmelsmacht mehr ist und ihr Gelingen auch nicht mehr in den Sternen steht, ist sie eine Angelegenheit von Risikostrategien – deren pointierte Version bekanntlich das Gefangenendilemma darstellt. – Tit For Tat ist demnach die Devise, im speziellen Fall: wenn Du Tricks einsetzt, tu ich das auch. Denn dass die Liebe ein seltsames Spiel ist, verkündete Connie Francis bereits 1960, und mit der Etablierung der spätmodernen Individualitätsgesellschaft sind die Spielregeln wohl noch um einiges komplexer geworden. Judit Kalman, die begüterte Tochter eines Salzburger Unternehmers und jung verwitwete Vierzigerin ist eine veritable Heroin des Liebesrisikos, welches ganz zu beherrschen sie mit einem ausgetüftelten Programm und mit Leidenschaft sich anschickt, denn auf die Sterne ist nur bedingt Verlass, zumal die Kassiopeia-Gruppe ja auch nicht das Venusgestirn ist. Und darüber hinaus spricht auch die Wahrscheinlichkeitskalkulation nicht gerade für glückende Liebe: Gianna, die Haushälterin der Wohnung in Venedig; wohin Judit ihr begehrtes Objekt, den Romanautor Markus Bachgraben verfolgt, bringt den Sachverhalt auf den Punkt, nämlich „dass die wechselseitige, gleich starke Liebe zweier Parteien zu den seltensten Zufallstreffern im Universum gehöre.“ Dieser Umstand ruft schier nach willentlicher Lenkung, denn letztlich will Judit „den richtigen Menschen finden, der zu ihr gehörte, wie es in den heiligen Büchern von der Vorsehung bestimmt war.“

„Alle Städte sind gleich, nur Venedig is e bissele anders“, weiß Torbergs Tante Jolesch, und die Besonderheit, die dort für die Stadt in Anspruch genommen wird, kann hier für Bettina Balakas Venedig-Roman geltend gemacht werden, denn souverän und gewitzt umschifft er die bekannten Venedig-Klischees wie etwa morbide Romantik oder Todespathos. Anstatt mit Romantik ist der Leser hier erst einmal mit Strategie konfrontiert, in die man gleichsam nach Komödienart Einblick erlangt, zumal vielfach aus Figurenperspektive erzählt wird. Romantische Liebe lebt von der Schicksalshaftigkeit, Judits Liebesstreben lebt vom Willen zum System: „Von ihrem Vater hatte sie gelernt, dass der, der ein Ziel verfolgte, Geduld brauchte“ Zu den sieben Erfolgsstrategien gehört, Vater Kalman zufolge auch: „Das Ziel niemals aus den Augen lassen. In keiner Minute des Tages.“ Also setzt sie auf Dauerbeobachtung und beherzigt vor allem folgende Regel: „Scheue dich nicht, von deinem Ziel besessen zu werden.“ Die Ursache für Judits Besessenheit liegt aber vielleicht gar nicht vorwiegend in den besonderen Eigenschaften des Liebesobjekts, denn die Schwächen der Männer, jene von Bachgraben besonders, erfahren in der Betrachtung gewiss keine Gnade. Sie liegt auch nicht so sehr in der Tatsache, dass dem aktuellen Beziehungsprojekt eine nächtliche Einmal-Begegnung mit Bachgraben vorausliegt, über deren Erlebnisqualität keine näheren Angaben gemacht werden und die wohl eher im Lichte von Judits allgemeiner Bewertung von Sex zu sehen ist: „Sex an sich war ja eine peinliche Angelegenheit, wenn man ihn unter dem Blickwinkel betrachtete, dass man sich nackt verrenkte, das Gesicht verzerrte, das Makeup verschmierte, die Frisur vernichtete, grunzte und röchelte und am Ende womöglich noch vaginal ejakulierte, sodass die Bettwäsche ganz nass war.“ Ein nicht unwesentlicher Grund, weswegen Judit zum weiblichen Homo Faber der Liebe wird, liegt wohl in der ehrgeizigen Lust am Strategiespiel: denn das mail, das Bachgraben nach diesem One-Night-Stand verfasst und das der spionierenden Judit zur Kenntnis gelangt, prognostiziert, dass es ein weiteres Mal mit dieser Blonden „sicher nicht“ geben werde. Auch um diese Absicht zu durchkreuzen, treibt sie den ganzen Aufwand, mit dem sie nach Art einer Katze Bachgraben nicht nur finanziell, etwa durch Kontosperre, in die Enge treibt. Und das ist für den Leser höchst vergnüglich, denn die Komödie, auch die – auf den ersten Blick – antiromantische, lebt von den bekundeten Intentionen der Gegenspieler und deren – zumindest versuchter – Durchkreuzung. Das Dringende von Judits Handlungsweise ergibt sich nicht zuletzt auch aus schlichten Prestigegründen: ihrer Freundin Erika hat sie nämlich erzählt, sie wäre mit Bachgraben liiert, und Erika reist ihr unvermutet nach Venedig nach, um das zu überprüfen, womit für reizvolle Turbulenzen gesorgt ist. Dass gerade Erika dort erfolgreicher in der Liebe ist, etwa wenn ein Gondoliere sie zielsicher, wenn auch unspektakulär, in Richtung kleiner Tod in Venedig geleitet, liegt einfach in den Unwägbarkeiten des Lebens, die im Roman raffiniert komponiert werden, und wohl auch an Erikas unromantischer Pragmatik: denn es verlangt sie „nicht nach Bindungen, sondern nach frischem, emanzipiertem, unverbindlichem Sex.“ Dass in dieser Figurenanlage auf kluge und ansprechende Weise das ganze und oft gar nicht so lustige Spektrum der „conditio amoris“ unserer Zeit aufgerollt ist, bemerkt der Leser vielleicht auch erst nach der spannenden Lektüre.

Kassiopeia ist aber nicht nur ein fesselnder Liebesroman, sondern er erfüllt in seiner eleganten Komposition auch wesentliche Eigenschaften des Künstler- und Generationenromans. Dank der Rückblenden in die Familiengeschichte der Kalmans, die mit dem wirtschaftlichen Aufstieg von Vater Kalman einen tragischen Hintergrund miterzählen oder mit den Analepsen in die südtiroler Abstammung wird wie von ungefähr und auf nahegehende Art auch ein gutes Stück österreichische Geschichte erfahrbar. Und dass die Bachgrabensche Schaffenskrise und deren unerhörte Lösung genug Stoff und Spannung für eine Künstlernovelle sui generis abgäbe, sei hier nur am Rande gestreift.

Natürlich ist Liebes- und Literaturgelingen in postmodernen Zeiten mitunter ein Effekt des literarischen Zitats, womit hier nicht die amüsante Chili-Schoten-Allusion auf einem Don-Juanesken Gegenwartsroman gemeint ist. Das eigentliche Zitat in diesem Buch ein werkkonstitutives: Bachgrabens fiktiver Roman Kassiopeia, „ein Märchen über die Liebe in eisigen Zeiten“, wie er in einer Rezension apostrophiert wird, wird nicht nur zitiert, sondern dieser entsteht eigentlich erst während der Lektüre von Bettina Balakas Roman. Er ist nämlich nicht nur dem Umschlag nach mit dem hier vorliegenden gleich, sondern bildet auch jene Leerstelle, die durch diese Romanhandlung mit Leben gefüllt wird. Womit modellhaft in einer unvergleichlichen Konvergenzbewegung der Roman das Leben fasst und das Leben poetisiert bzw. romantisiert wird. Entgegen der Botschaft von Lou van Burg und Barbara Kists Schlager aus dem Jahre 1959 steht nämlich nicht „alles in den Sternen, was dir vom Schicksal bestimmt“, sondern in den Büchern, besonders solchen mit Sternentitel.

Günther Höfler

Chacha Bevoli: Feuerland

Lyrische Texte

Elisabeth Chovanec
Wien 2010

24 September 2010 In der im Buch vorhandenen Werkbiografie heißt es, Chacha Bevoli erarbeite sich Literatur. Das ist bemerkenswert und zeigt auf, dass die 1939 in Wien geborene Autorin bestrebt ist, fortlaufend schreibend zu erfahren und zu lernen.

Die in diesem Band versammelten Gedichte machen eine Sehnsucht nach Einheit und Aufgehen im Ganzen des Universums transparent.
Die Kommunikation zwischen Ich und Welt ist eine besondere dort, wo auch die Bilder nicht zu nachdrücklich aufscheinen, wo nicht alles gesagt und ausgesprochen wird. „Allein – in Schwärmen/“ oder „Gewebe voller Abenteuer“ „Nachtschimmer“.
An jenen Stellen ruft uns eine Zartheit, die ein sehr zerbrechliches lyrisches Ich dahinter vermuten lässt.

Ergänzt werden die „kosmischen“ Texte durch Bilder und Fotos, in Teilen von Chacha Bevoli selbst.

Petra Ganglbauer

Manfred Chobot: Der Tag beginnt in der Nacht

Eine Erzählung in Träumen

Sonderzahl Verlag
Wien 2011
cover_chobot_sonderzahlDas neue Buch von Manfred Chobot steckt voll überraschender Wendungen. Die jedoch sind so geschickt inszeniert, dass man als Leser/in die Switches kaum oder gar nicht registriert.

Das Buch fokussiert die Traumwirklichkeit wie den Wachzustand und ist gespickt mit detailfreudigen Ereignissen, topografischen und kontextuellen Exkursen. Darüber hinaus ist es humorvoll.
Das Besondere aber – im Gegensatz zu anderen Traumprotokollen und ähnlichem – ist, dass es gewissermaßen die Bewusstseinbewegung wie einen großen Strom nachzeichnet, einen Strom, der einerseits voll Wirbel und Stromschnellen steckt, andererseits aber den Ich-Erzähler und uns, die Lesenden, quasi mit sich zieht.

Ehe wir es begreifen, stecken wir mit dem Protagonisten und den zahlreichen anderen Personen mitten in einer Situation, einer Geste, einem Gespräch, einer Interaktion, die fest im Tagbewusstsein verankert scheint. Im selben Augenblick hat uns der Schlaf (Traum) – die Übergänge vom einen zum anderen sind fließend.
Die Unterscheidung fällt sichtlich schwer. Die Erzählung mutet äußerst suggestiv an.

Ein Buch, das Tagbewusstsein und Traumbewusstsein gewissermaßen zeitgleich zu erfassen sucht. Sehr gelungen!

Petra Ganglbauer

Chacha Bevoli: Gedankenströme

Lyrische Texte

Elisabeth Chovanec
Wien 2011

Gedankenströme CoverVom einfachen und vorurteilslosen Umgang mit der Natur, von den Gezeiten, dem Lebens- und Jahreslauf erzählen diese Gedichte; die Naturmetaphorik wird ganz bewusst für seelische Prozesse und die privatesten Momente im Leben „die Stimme verloren/Im Pulsschlag der Nacht“ eingesetzt. Wenig später heißt es im selben Gedicht: „Warte auf die Helle.“
Stets also ist das Hoffnung bringende, die Dunkelheit auflösende Moment jener Impuls, der das lyrische Ich seine Erfahrungen mit der Welt und ihren Geheimnissen machen lässt.
Diese Gedichte sind im eigentlichen Sinn unprätentiös, aber sie machen die Welt des Ungreifbaren, Geheimnisvollen transparent, lassen die Seele der Kristalle, des Wüstensands oder des Teelichts aufleuchten.
Geordnet sind sie in fünf Kapitel, deren hervorstechenster Titel wohl „Lebensoval“ ist.

Die Texte sind Poetiesierungen des Alltags, indem dessen Facetten geprüft und gewendet werden wie die „Heitere Gedankenlosigkeit.“

Ein unaufdringlicher Humor setzt sich in den Gedichten fort und macht sie leicht und das Leben dadurch auch in seiner Schwere verkraftbar.

Petra Ganglbauer

Manfred Chobot: Blinder Passagier nach Petersburg

Essays und Interviews

edition lex liszt
Oberwart 2009

Blinder_PassagierDen großen Aktionsradius des Dichters Manfred Chobot spiegelt dieses Buch, seinen unverstellten Zugang zu vielen Persönlichkeiten, mit denen er sich auseinandersetzte oder die er im Laufe seines Lebens traf.

Chobot wählt die Gattungen Essay und Interview, um sich mit den Spezifika Anderer (etwa des jüngst verstorbene Alfred Hrdlicka) auseinanderzusetzen. Schön etwa das sensible „Portrait“ des allzu früh verstorbenen Christian Loidl, einige exemplarische Lichter lässt Chobot da aufleuchten, Punkten oder Strichen auf einer Leinwand gleich, – sie vermögen uns in der Tat mehr zu erzählen als lange Abhandlungen.
Erwähnt sei u.a. auch das Gespräch mit Wolf Vostell über Fluxus – anregend und informativ. Oder aber auch sein Beitrag über drei Gugginger Künstler, ein hochspannender Beitrag.
In diesen Essays zeigt sich Chobot in seiner ganzen Authentizität, gerade das ist das Spannende an diesem Buch: dass es einerseits professionell geschrieben und andererseits gleichsam aus dem Leben gegriffen ist.
Besonders signifikant ist auch seine Beschäftigung mit „Vergessenen“ wie Arthur Holitscher. Das ist ihm hoch anzurechnen.

Petra Ganglbauer