Lisa Fritsch: Ausgewählte Gedichte

Podium Porträt 39
Wien 2008

Lisa Fritsch © Podium Verlag

Als ich Lisa Fritschs Gedichte gelesen hatte, fiel mir Ronald D. Laing ein, der darauf aufmerksam gemacht hat, dass wir Menschen innen und außen oft nicht integrieren können. Die Gedichte haben durchaus das Thema Innenwelt-Außenwelt, sie beschreiben eine Transgression, oft ist es eine zarte Verwunderung über die Widersprüche, die sich ergeben, wenn wir das Wissen von einer Sache mit dem zusammentun, was wir außen wahrnehmen. Am offensichtlichsten ist dies bei den LANDSAT-Gedichten, die als eigenständiger Band 1995 bei Deuticke erschienen sind und von denen hier eine kleine Auswahl vorliegt. Wenn der Astronaut unseren blauen Planeten aus großer Entfernung betrachtet, dann sieht er „rund und zerkratzt (…) die Erde // eine tönerne Kugel / gealtert am Himmel“. Wir wissen aber, wie fest die Erde ist und dass diese „Kratzer“ vielleicht Kanäle oder Flussläufe sind. Und überhaupt entsteht eine Art innerer Musik in diesen Gedichten, wenn man, perspektivisch verzerrt, das Monumentale irdischer Erscheinungen und die durch die große Entfernung entstehende Kleinheit verinnerlicht. Groß und klein sind eben relative Größen. Die übrigen Gedichte des Bandes, in den Jahren 1971 bis 2008 geschrieben, führen mit seltener Stringenz vor, wie die genannten Kategorien entweder kontrovers sind oder einander durchdringen, wie also das Äußere vom Inneren gefärbt oder umgedeutet wird und umgekehrt. Innen ist nicht wie außen, aber beide ergänzen einander und lassen ein neues Bild, eine neue Wirklichkeit entstehen. Diese Gedichte lesend, können wir unsere Vorurteile sanft oder heftig erschüttern lassen. Denn so gemütlich und sicher unsere Innenräume in Wohnungen sind, so erschütterbar erscheinen sie uns, wenn sie von außen gesehen werden. So in dem Gedicht über die „Stadteinfahrt / an Häusern vorbei / Bettzeug / und Möbel // Schlafzimmer / in denen morgens / die Tapeten leuchten.“ Oder der wunderbare Anblick einer Baumkrone in der Sonne kann nicht vergessen machen, dass Schatten unentbehrlich ist – „ich zehre / vom Schatten / in der Sonne Harz.“ Sprachlich steuern diese Texte immer wieder auf äußerste Verdichtung hin. Die Dinge sind nicht die Dinge, das kann man lesend erfahren. Es gibt das Gedicht vom Flug über das Meer, wo Zeit und Raum, Leben und Tod aufs äußerste komprimiert werden, alles geht aus der Differenz zwischen der eigenen Lebendigkeit und dem Fremdanblick der übrigen Passagiere hervor, nicht zu vergessen die prekäre Luftfahrt, die aber von der Autorin nicht erwähnt wird. Hier wird der Widerspruch zwischen Statik und Bewegung interessant, nicht unähnlich der Empfindung, irdisch auf festem Boden zu stehen, indessen der Planet sich mit rasender Geschwindigkeit bewegt, was wir zwar wissen, aber nicht sinnlich erfahren können. Kompression der Zeit: Was geboren werden wird, ist zugleich schon gestorben, („[spatium] unaufhaltsam [spatium] die noch nicht geborenen Toten“). Der Anschein spricht nicht für die Einheit der Welt, vielleicht soll sie in uns erst hergestellt werden. Und dann das Gedicht über die alternde Mutter, deren inneres Dunkel, „das für sie jetzt / zum Blütengewölbe wird“ von den Parkbesuchern nicht wahrgenommen werden kann. Sie sehen nur die Hinfälligkeit ihres „Körpers (…).“ Von Person zu Person sind wir voneinander getrennt, wir leben von innen, für die anderen sind wir aber Außenwelt, die wiederum verwandelt wird in die eigene Innenwelt.

Die Gedichte der Lisa Fritsch trumpfen nicht auf, es sind Erkundungen einer immerwährenden Begegnung und Umwandlung von innen nach außen und von außen nach innen. Und sich als Reisende und als Reisender von der Erde entfernen, heißt sich ihr auf subtile Weise nähern. Der perspektivische Blick ist das große Abenteuer. Und es gibt die Paradoxie der Erscheinung.

Gerwalt Brandl

Gerhard Jaschke: WELTbude

Sonderzahl Verlag
Wien 2009

Absoluter Tipp: Gerade rechtzeitig zu seinem 60. Geburtstag ist Gerhard Jaschkes WELTbude erschienen. Eine poetische Sammlung der besonderen Art ist das, gibt sie doch Einblick in die methodische Vielseitigkeit des Autors. Die Rezensentin hinkt zeitlich hinterher…

Topografische und personelle Verweise enthalten diese Texte ebenso (etwa jener, der sich Chobot zum 60. nennt), reich an spielerischen Kunstgriffen sind sie, voll von Assonanzen, Alliterationen; da finden sich Anagramme, Lipogramme, kein Wunder es wird ja auch das Sprachbastelbuch fortgesetzt…
In so fern eignet sich das Buch nicht nur für die geehrte Leserschaft, sondern auch als Materialienband für Schulen, als Workshopgrundlage etwa.

Das Besondere an der gestalterischen Eigenheit des Buchs ist die Leiste jeweils oberhalb des Textes, die Flashs aus dem Leben des Autors quasi am Fließband wiedergibt.
Fotografien und Skizzen vertiefen den Einblick in die Lebens- und Arbeits-Welt Gerhard Jaschkes.

Erwähnenswert sind auch der Cover, die Farbe wie überhaupt die gesamte Gestaltung des Buchs.

Schier wunderbar!

Petra Ganglbauer

Peter Pessl: Das weisse Jahr

Aufzeichnungen aus dem Himalaya, Teil 2

Ritter Verlag
Klagenfurt 2009

Das-weisse-JahrEine spirituelle, eine ganzheitliche Schau beeinhaltet dieses Buch, das Teil 2 jener ausführlichen, über viele Jahre dauernden Schreib- und Reisebewegung (Suchbewegung) des Autors enthält, die im signifikanten Jahr 2012 ihren literarisch-publizistischen Abschluß finden soll.
Pessl bereist/e die Himalayaregionen in Indien, Tibet und Nepal.

Das Suchen (die Suchbewegung) weicht jedoch dem Finden: Das ist das Ungewöhnliche an diesem Buch, dass es dieser schnelllebig-rastlosen Zeit etwas entgegenhält, das man Vertiefung nennen könnte, etwas, das trotz physischer Bewegung an einem innersten Ort verbleibt – der allem der gleiche ist –, um dessen Sprache wahrzunehmen, die zugleich die Sprache aller Dinge und Wesen ist – vielschichtig, nuancenreich, die manchmal wie im Flug begriffen anmutet oder wie im Wasser, wie flammend oder aber wie aus einer untersten Erdschicht aufsteigend…

Eine eigenwillige Polyphonie ist das, die den religionsphilosophischen oder aber auch kulturellen Hintergrund nahe dem „Weltall“, insbesondere aber der buddhistischen, islamischen, hinduistischen und schamanischen Kulturen enthält.
Es spricht und es spricht sich vielmals und differenziert. Dieses Buch führt zurück zum Ursprung der Sprache, zur Göttlichkeit, an jenen Ort, der nicht verstellt ist, wo alles noch eins ist und jedes auf seine Art sprechen darf.

Der Autor schrieb einst von der Dingschmelze und Wesensschmelze im Text (siehe seine Wiener Vorlesungen zur Literatur, erschienen bei Freibord); jetzt, Jahre später, ist er dorthin zurückgekehrt, der Kreis schließt sich fast, allerdings mit einem ungleich größeren Aktionsradius!

Schön, die zahlreichen Skizzen, die der Autor selbst gemacht hat.

Erwähnenswert auch Band 1: Die Dakini-Dialoge, Ritter Verlag 2006.

Petra Ganglbauer