Marc Adrian: Die Wunschpumpe

Eine Wiener Montage

Gangan Verlag, Sydney und Wien 1991
304 Seiten, 40 Illustrationen, gebunden

die_wunschpumpemarc adrians pumpe fördert allerhand zutage, läßt keine wünsche offen, dabei plumpst vieles, das sich bis dato mächtig ins zeug legen konnte, wie nichts weg. als würde der GSCHWINDE eine liaison mit dem johannesevangelium in der löwengasse vom zaun brechen wollen, auf daß es dem GERONIMO die augen in ein wiener schnitzel katapultiert: hier steht sie vor uns – die zusammenfügung scheinbar disperatester teile, und doch könnte man sich keine anderen vorstellen, um selbst nestroys geist zu beschwören: „i sags nur, weul i grad davon red“, oder so ähnlich. scharf geschnittene kader klatschen da auf noch schärfere. dem voyeur sind alle möglichkeiten geboten. – schließlich öffnet nicht alle tage das „kunstwerk, die dichtung“ als „ein ort der macht des negativen denkens“ die vulva wie das erstbeste scheunentor eines klapprigen denkens. gegen diese wunschpumpe verkommt selbst die „seelandschaft mit pocahontas“ zu einem zarten lercherlschas innerhalb der deutschsprachigen literatur dieses auslaufenden zwanzigsten jahrhunderts. was schmidt forderte („der grundirrtum liegt immer darin, daß die zeit nur als zahlengerade gesehen wird, auf der nichts als ein nacheinander statthaben kann. ‚in wahrheit‘ wäre sie durch eine fläche zu veranschaulichen, auf der alles ‚gleichzeitig‘ vorhanden ist“), löst adrian ein, wobei noch hinzukommt, daß es bei ihm nichts flaches gibt. dagegen würden sich auch seine protagonisten (z.b. der LEWENDICHE, die HAMBURGERIN und der TEXASHIAS) verdammt stemmen.

Gerhard Jaschke

Rudolf Kraus: warten auf beckett

sprachminiaturen

Verlagshaus Hernals
Wien 2016

Deftig, heftig sind die meisten, der meist einem Autor, Musiker, einem Künstler, Schauspieler etc. gewidmeten Gedichte, explizit und expressiv (eines ist demgemäß August Stramm gewidmet) – zwei der Gedichte allerdings fallen sofort ins Auge, es sind jene, die sensibel den Blick auf die Welt richten, jenes, das der Autor sich selbst widmet „… stumm bin ich wieder / herbstfrischlingskind“ und jenes mit der ersten (TItelzeile?) „der schlaf hat innere Augen“ – sie sind von einer gewissen Zartheit im Umgang mit Wahrnehmung!

Die übrigen sind in der Mehrzahl laute, grelle, trotzige Worterhebungen: „wenn die Fackel brennt“ (an karl kraus etwa, „fettes blau / brennt sich ins papier“ (für hermann permann; unter den Texten sind auch Repliken auf Bücher wie zum Beispiel „Dreizehnter Würfel“ von Zsuszanna Gahse.

Als Eingangsgedicht findet sich „Krausrudi – Leopoldrudi“ von Hermann Permann.

Ein Buch, das die Verständigung mit Dichterinnen und Dichtern sowie deren Werken aufnimmt!

Petra Ganglbauer

Herbert J. Wimmer: Wiener Zimmer

100 Gedichte

Klever Verlag
Wien 2014

Das von Elfriede Gerstl stammende und den Gedichten vorangestellte Motto, das an dieser Stelle nicht verraten werden soll, um das Interesse den Band selbst zur Hand zu nehmen zu wecken, steht gewissermaßen stellvertretend für die im Buch versammelten Gedichte.

Lakonische Notate, lyrische Möbiusschleifen, die, obgleich nicht selten aus Listen gespeist, diese in ihrer Ausrichtung gedanklich oder auch formal gekonnt unterwandern, indem sie gegen Ende der Texte dergestalt abweichend sind, daß es kein Ziel, keine plausible Erklärung oder Antwort auf die existenziellen Fragen des Lebens gibt.

Oft treffen Gegenpole aufeinander: „erinnern wollen/ und vergessen wollen/ im selben augenblick“, Dispositionen, die das einfache rationale Fassungsvermögen nicht zu verarbeiten imstande ist; dadurch entstehen Reibungen, Denkanstrengungen und viel mehr noch, das Darüberhinausgehende.

Ein komplexer sprachspielerischer Band, der voll Komplexität steckt; in „Wiener Zimmer“ lebt ein kleines Sprachuniversum voll Esprit!

Petra Ganglbauer

Jörg Zemmler: papierflieger luft

Gedichte

Klever Verlag
Wien 2015

„Auf Fragen Antworten wir mit Zeit“, schreibt Jörg Zemmler in seinem neuen Lyrikband „papierflieger luft“. Und dass mit dem Gewinnen von Zeit auch Raum einher geht, kann man seinen Texten ansehen: denn sie atmen. Auf viel Papier haben Buchstaben Luft, sie fliegen tatsächlich, schweben auf wenig Raum kraftvoll hin und her. Ein wenig erinnern die hauchigen, fragilen aber sehr präzisen Miniaturen an ein Mobile: sie schweben und verzieren die Leere, bringen das innere Kind zum Staunen.
Dass der 1975 in Bozen geborene Poet eine Affinität zum Klanglichen hat, ist ersichtlich. Seit vielen Jahren arbeitet er übrigens auch als Soundkünstler und Pop-Musiker der besonderen Art.
Das Sprachmaterial des Bandes oszilliert zwischen Poetisch und Banal. Da heißt es mal „sich schleichen“, dann wieder aber verehrt ein ganzer Wald im hohen Ton einen toten Baum. Die Schaukelbewegung zwischen Archaischem und der Poetik des Banalen gelingt dem Dichter, auch – oder vielleicht gerade weil – man ihm beim Balancieren förmlich zuhören kann. Was ist Literatur anderes als ein Drahtseilakt, das Weben von Verbindungsschnüren zwischen Dingen, die scheinbar zusammenhanglos im Raum schweben? Texte sind Papierflieger zwischen Welten – und diese im Besonderen.
Ein hervorragendes Buch.

Sophie Reyer

Norbert Trawöger, Christian Steinbacher, Brigitte Mahlknecht: Luftikusse

Edition Krill
Wien 2015

Spannendes kann entstehen, wenn unterschiedliche Medien sich treffen, überkreuzen, aneinander abreiben. So geschieht es auch in dem neuen, vielschichtig angelegten Band „Luftikusse“ von Norbert Trawöger, Christian Steinbacher und Brigitte Mahlknecht.

Am Anfang steht in gewissem Sinne die Frage: Ein Interview Trawögers mit Virgil Guggenberger eröffnet den großen, schwarzen Band. Wie die meisten Bücher, die die Edition Krill publiziert, hält man auch diese Arbeit gern in der Hand. Es ist ein Buch zum Vor- und Zurückblättern, das dazu anregt, vernetzt zu denken. Auch die lautliche Ebene darf nicht vergessen werden: So liegt am Ende des Buches eine CD bei. Gräulich gekennzeichnete Zitate stehen am linken Rand der Seite, während Steinbachers wie immer sprachkritische, reflektierende Lyrik am rechten Rand abgedruckt ist. Diese beiden Ebenen nähren und ergänzen einander frei assoziativ und werden durch graphische, skizzenartige Bilder auf der linken Seite eher bereichert als kommentiert. Die Zitate entstammen dem geistigen Schatz besonderer Schreibender wie Anja Utler oder Bodo Hell.

„Luft hängt an der Erde“, heißt es in einem der Texte. Und um das Aneinanderhängen unterschiedlicher Materialien geht es auch hier, wobei das Wort „Hängen“ diese Beziehung auch trifft, denn stets bleiben die unterschiedlichen Medien und Formen frei und beweglich, lassen Raum, lassen sich direkt oder auch nur indirekt aufeinander beziehen, ohne einander zu illustrieren. Es bleibt eine Suchbewegung, ein sich und einander hinterfragen. So endet „Luftikusse“ wohl auch bewusst mit einer Frage: „Kennen wir uns?“

Sophie Reyer

Valerie Fritsch: Winters Garten

Roman

Suhrkamp Verlag
Berlin 2015

Einen weit gespannten, dich gewebten, poetisch aufgeladenen Erzählbogen, der sich den globalen und existenziellen Abgründen jeglicher Existenz verschreibt, hat Valerie Fritsch in ihrem aktuellen Buch gespannt.

Die Autorin führt die wesentlichen Parameter „Oben“ und „Unten“, Mikro- und Makrobereich sowie das Detailreiche und die (philosophische) Metaebene souverän zusammen und legt ihr synästhetisches Augenmerk auf Leben und Bedrohung, auf das Florierende ebenso wie das Apokalyptische.

Fritsch befasst sich, wie im übrigen nicht allzu viele zeitgenössische österreichische Autor/inn/en, mit dem Phänomen des Weltuntergangs – und die Stadt, in der der Vogelzüchter und Protagonist Anton Winter die unerwarteten Ereignisse und das uneinschätzbare, aus einer scheinbaren Eigendynamik heraus entstehende Geschehen beobachtet, befindet sich in einer final extremen Lage, der Natur und ihren Gewalten ausgeliefert. Mit ihr verändern sich die Menschen, sie unternehmen letzte verzweifelte Versuche, das Grauen abzuwenden.

Fritsch zeichnet das Dräuen vor dem Weltuntergang – alles ändert sich sichtlich oder auch im feinen, atmosphärischen Bereich. Immer jedoch vertraut die Autorin einer üppigen Sprache, die ab und an rhythmisierter, dann wieder beinahe stoisch daherkommt und gerade da einen gelungenen Kontrast zu den Außen- und innenseelischen Turbulenzen der Betroffenen herstellt.

Die Versuche, die Zerstörung durch zutiefst menschliche Regungen und Eigenschaften aufzuhalten, müssen scheitern.
Ein wichtiges Buch, das nicht nur von äußeren Katastrophen erzählt, sondern ebenso eine Kartografie innerseelischer Prozesse und Entwicklungen ist.

Petra Ganglbauer

Erika Kronabitter: Endlich Alles Richtig

Edition Taschenspiel
Verlag beim Augarten, Wien 2015

Lakonisch, bisweilen bewusst frech, in jedem Fall voll Selbstironie gibt sich das neue Buch von Erika Kronabitter, welches die Autorin in thematisch wiederkehrende Module gegliedert hat.

Die (Selbst)erkenntnisse umkreisen das Älterwerden mit seinen Begleiterscheinungen, das Leben und Wohnen, das Reisen, die Architektur, das Beobachten, das Schreiben und das Nichtschreiben; mittels insistierender Schleifen werden diese Themen „aufgezogen“ und mit ihnen auch die Figuren in diesem Buch, etwa die Wohnungsnachbarn der Protagonistin, welche die Autorin lediglich mit ihrem Anfangsbuchstaben namentlich erwähnt, ein Kunstgriff, der sie fernhält, der sie – trotz ihrer individuellen Eigenheiten – schemenhaft erscheinen lässt.
Da gibt es die unfreundliche und arrogante Nachbarin oder den überfreundlichen Nachbarn.
Sie alle werden jedenfalls genauestens beobachtet und auf einen leichtfüßige Art analysiert.

Mitteilsam, lebendig, humorvoll und bunt kommen die Themen in diesem Buch daher, wenngleich es durch seine Ordnung einen straffen Rahmen hat; bisweilen verdichten sich Passagen, indem die Autorin listenartige und serielle Raffungen inmitten des Erzählens vornimmt.

Ein kurzweiliges, konsequent geschriebenes Buch, das auch seinen Unterhaltungswert hat!

Petra Ganglbauer

Sissi Tax: vollkommenes unvollkommenes

Prosa

Literaturverlag Droschl
Graz 2014

Richtungsweisende (Meta-)Sätze, entschiedene Anläufe der Sprache gegen das Vergehen, ein atemloses und doch konzentriertes immer neues „Den-roten-Faden-Aufgreifen“, assoziativ, voll von Implikationen, sprachspielerischen Kunstgriffen mithin, so gestaltet sich der neue Band von Sissi Tax, der sich in den methodischen Kontext der voran gegangenen Publikationen fügt.

Tax setzte Markierungen, Haltepunkte, Stationen – Anreize für die reflexive Spracharbeit, für die lebendige Auseinandersetzung mit dem Generieren von Texten, dem Herstellen von Texten aus Texten.
Ebenso streng wie fließend, rhythmisch wie präzise sind diese Spracharbeiten! Und doch und dennoch ist dieser Gestus unterhaltsam und humorvoll.

Empfehlenswert!

Petra Ganglbauer

Elfriede Czurda: Buch vom Fließen und Stehen

ÜBERSCHREIBUNGEN

Edition Korrespondenzen
Wien 2015

Auf der einen Seite artikuliert sich eine Suada, voll von lebensnahen, scheinbar praktischen Ansagen und erfahrungsreichen Redewendungen – Anläufe (auch menschliche Irrläufe vielleicht), Aussagen voll begrenzter Wertigkeiten.

Auf der anderen Seite – und weitaus ausgesparter im Duktus – setzen sich allgültige, „ewige“ Aussagen, voll absoluter, weit über das Menschliche hinaus reichender Wertigkeiten durch, die, obgleich zentriert und leiser tönend, den kleinen menschlichen Kosmos aus einer zentrierten Position heraus sprengen.

Elfriede Czurda schreibt – ohne einem simplen Übersetzungsversuch zu unternehmen – den Bildwirklichkeiten und Konzeptionen des Daodejing von Laozi folgend, dieses legendäre Werk neu.

Eine schöne Herausforderung auch für die Leserinnen und Leser.

Petra Ganglbauer

Sabine Gruber: Zu Ende gebaut ist nie

Gedichte

Haymon Verlag
Innsbruck-Wien 2014

Der Gestus der vorliegenden Gedichte ist ein äußerst klarer, entschiedener, die Stimmführung eine, die ohne große „Emphasen“ auskommt – die Wirkung groß! Ein deutlicher Nachhall, um nicht zusagen, eine Nachhaltigkeit geht von diesen Texten aus, die um existenzielle Fragen von Werden und Vergehen kreisen – sich also vorzugsweise dem gewissermaßen traditionell lyrischen Motiv der Vergänglichkeit widmen.

„Mir zittert das Gesicht im Frost“, heißt es etwa.

Aber auch die wesentlichen Zeitereignisse werden in diesem schmalen, handgebundenen und beeindruckenden Band in die lyrische Auseinandersetzung einbezogen. „Die Totenkronen/Schwimmen wie Treibholz ins Offene“.

Topografische Notationen sind ebenso enthalten, die eines der Grundprinzipien von Lyrik, nämlich die Spannung zwischen dem Innen und dem Außen verkörpern: „Inwendig Venedig, auswendig“.

Ein empfehlenswertes Buch, das die Marktkonformität großer Wälzer unterwandert!

Petra Ganglbauer