Raimund Bahr: Gansinger kehrt heim

Roman

edition art science
St. Wolfgang 2019

cover_gansingerEine eigenartig melancholische Schwingung liegt über dem vorliegenden Roman.
Eine Atmosphäre, die sich wahrscheinlich aus den inhaltlichen Schwebezuständen in diesem Buch ergibt. Von Anbeginn gelingt es Raimund Bahr, eine unauflösbare Spannung über den Fortgang der Geschichte zu legen. Schon das Cover unterstreicht diese Qualität.

Ein Mann bricht am 1.1.2000 aus seiner Heimatstadt auf. Was dann an „Topografien“ oder Figuren angesprochen wird, bleibt bewusst unscharf.

Wir als Lesende begleiten den Protagonisten, indem wir lesend Zeugen jener Tagebuchaufzeichnungen, Briefe und Geschichten sind, die er hinterlassen hat. Am Ende findet die Hauptperson einen Ort, an dem sie sich ansiedelt, der Mann scheint endlich anzukommen. Davor muss er jedoch seine Vergangenheit bewältigen und seine Kindheitstraumata, soweit möglich, hinter sich lassen.
Am Ende des Romans, der Protagonist ist verschwunden, sucht ihn sein Freund in seiner neuen Heimat und findet nur noch seine Aufzeichnungen, die er schließlich veröffentlicht. Dies wird in einem Vorwort offenkundig.
Nicht nur die zeitlichen Ebenen verschwimmen in diesem Buch, auch die Wirklichkeiten tauschen einander ab.

Ein eigenwilliges Buch, dass einem Briefroman ähnelt und zudem narrative Sequenzen enthält; das auf diese Weise perspektivisch hin- und herschwingt und das Leben des Protagonisten beleuchtet, wiewohl es gezielt Lücken enthält und am Ende geheimnisvoll anmutet:
„Gib acht auf dich, mein Freund. / Und besuche mich. / Bald.“

Petra Ganglbauer

Alain Barbero & Barbara Rieger: Kinder der Poesie

Österreichische AutorInnen in Schwarzweiß

Kremayr & Scheriau
Wien 2019

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Die österreichische Autorin und Schreibpädagogin Barbara Rieger und der Pariser Fotograf Alain Barbero sind eine, nicht nur in Wien bekannte, unermüdliche und kongeniale Künstlerpaarung.

Nach ihrem gemeinsamen Debütband „Melange der Poesie“, in dem Autorinnen und Autoren in Wiener Kaffeehäusern fotografisch porträtiert wurden und mit Kaffeehaustexten zu den jeweiligen Fotos vertreten sind, folgte nun das ebenso umfangreiche wie bibliophil gestaltete Buch „Kinder der Poesie“, in dem insgesamt 18 Autorinnen und Autoren, die zwischen 1924 und 1994 –  also quer durch alle Generationen – geboren wurden, präsent sind.
Bis auf Sabine Gruber, die dieses Buch anregte, handelt es sich primär um Autorinnen und Autoren, die nicht im ersten Buch vertreten sind. Unter ihnen Anna Weidenholzer, Daniel Wisser, Petra Piuk, Kathrin Röggla, Josef Haslinger, Julian Schutting oder Friederike Mayröcker.

Zusätzlich zu jeweils von ihnen ausgewählten Kindheitsfotos, die Alain Barbero in Kooperation mit den Autorinnen und Autoren fotografisch neu-, um-, oder weiterinterpretierte, schrieben sie erinnernde oder reflektierende Texte zu ihrer Kindheit, in welchen Kuscheltiere ebenso eine Rolle spielen wie Internatserfahrungen, politische Ereignisse oder Großmütter.

Entstanden ist ein berührendes und atmosphärisches Buch voll von Bekenntnissen und Interventionen, denn nicht nur die persönlichen Kindheitsszenen (manchmal aus Involviertheit, dann wieder aus großer Distanz geschrieben) spielen darin eine Rolle, sondern auch die erklärenden Intros zu den jeweiligen Autorinnen und Autoren sowie die spannenden und gut recherchierten Ergänzungen zu Politik, Sound, Literatur oder Film (um einige Beispiele zu nennen) mit den jeweils damals aktuellen Entwicklungen: Ein schöner alltagsästhetischer und historischer Bogen:
Dies ist in erster Linie Barbara Rieger zu verdanken.

Petra Ganglbauer

Sandra Hubinger: wir gehen

keiper lyrik: 21
Hrsg.: Helwig Brunner

edition keiper
Graz 2019

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Ein Prototyp von Lyrik ist traditionsgemäß das Naturgedicht. Oft spiegelt sich in ihm die Seelenbefindlichkeit eines lyrischen Ichs oder einer verdeckten Sprechinstanz. Hierfür werden dunkle Wolken, der erstarrte See, die peitschenden Wellen oder das aufkommende Gewitter bemüht.

Ganz anders, weil vollkommen auf der Höhe der Zeit, souverän gestaltet und mit genau diesem Prototyp spielend aber eben diesen auch weiterentwickelnd – nein, ihn erfindend und also durchquerend – genau das macht Sandra Hubinger im vorliegenden Band:
Und dieser ist eine Preziose im Reich der zeitgenössischen Lyrik.

Die Autorin legt mit diesem ihrem zweiten Gedichtband eine hohe ästhetische Latte: Sie schafft es, dass Form und Inhalt unausgesetzt interagieren. Wir gehen mit den Gedichten, sie wiederum treiben uns an und voran geht mutig die Autorin und erzeugt eine immense literarische Dynamik:
Die Naturphänomene agieren ebenso wie die Menschen, sie beziehen sich aufeinander, bewegen sich unaufhörlich – und mit der Zeit, mit ihrem Lauf – mischen sich die Auswüchse unseres gesellschaftlichen Handelns ein, eine Unruhe sickert in die zunächst noch trotz aller Bewegung ausgewogene Gedichtlandschaft.

Dicht die Sprache und mit äußerstem Tiefgang tritt ein in der zeitgenössischen Lyrik nicht allzu oft verwendetes kollektives „Wir“ in die vielschichtig und akribisch gelegte lyrische Spur.

Empfehlenswert!

Petra Ganglbauer

Rudolf Hochwarter: immer wieder taucht ein cowboy auf

Politische Markierungen

edition lex liszt
Oberwart 2019

Layout 1In seinem aktuellen Buch, das Lyrik wie auch Kurzprosa und Collagen enthält, nimmt sich Rudolf Hochwarter, dessen Zugang zur (politischen) Wirklichkeit stets ein kritischer, pointierter, subtiler ist, –  trotz aller Feinsinnigkeit – im besten Sinn kein Blatt vor den Mund.

Irgendwann muss auch der Autor, die Autorin zu härteren inhaltlichen und formalen Maßnahmen greifen, sonst wird er, angesichts der Abstumpfungsmechanismen  in der Gesellschaft nicht mehr verstanden. Heutzutage muss man schreien, grelle Bilder schaffen, in die Tasten hauen! Das tut der Autor mithin und er trifft.  Nicht nur uns als von der zeitgenössischen oder besser ewig gestrigen Politik frustrierte Lesende, sondern er trifft auch die angesprochenen Themen in ihrem Kern.

Dennoch greift er nicht selten zum Sprachspiel, zu chromatischen, metaphorischen oder auch lakonischen Methoden. Oft spielt er mit wenigen Worte „MACHT macht MACHT“ oder Diminutiven (Verniedlichungen): „weiberl und manderl / halten sich am handerl…“, mit Konkreter Poesie: „zackzackzack“, mit Farbe (blau) oder auch mit einem regelrecht drohendem Gestus, der konkrete politische Ansager in Österreich spiegelt.

Ein mutiges Buch, das kongenial mit den Arbeiten der bildenden Künstler Wolfgang Horwarth, Erich Novoszel und Kurt Pieber sowie Grafiken / Collagen von Karl Guttmann korrespondiert.

Petra Ganglbauer

Erika Wimmer Mazohl: Orte sind

edition laurin
Innsbruck 2019

erika wimmer cover Erika Wimmers Gedichte schlagen ein wie Kometen. Das ist an dieser Stelle ausschließlich positiv gemeint, sie sind aufgeladen, poetisch und kommen mit einer Wucht daher, der man sich nicht entziehen kann. Avancierte, rhythmisierte Gedichte sind das, die auch politische, gesellschaftliche Themen aufgreifen aber alles Andere als plakativ sind. Im richtigen Augenblick entziehen sie sich der Materialität der Alltagswirklichkeit und werden wortwörtlich abstrakt.
Es gibt auch Gedichte, die auf Reiseerfahrungen fußen: „Indien hier“.
Der Band ist zudem in mehrere Kapitel gegliedert.
Repetitionen ritualisieren die Gedichte, die sohin zu Gesängen werden, zu Zorn–, Trauer oder auch Stillegesängen: das Kapitel „echoräume“ ist übrigens Georg Trakl gewidmet.

Formal spannt sich der Bogen von sperrigen, etwa mit Schrägstrichen ausgestatteten und breit gebauten Texten (Ostia Antica: „sieht grob behauene Blöcke / und die Straßen aus Stein“) bis hin zu fragilen, teilweise durch Lautpoesie untermalten Gedichten: „der klang des schlagbaums“, „der klang des skalpells“, beide knallharte Auseinandersetzungen mit Gewalt – oder aber auch „der klang des papiers“ – allesamt Gedichte, die Teil eines Zyklus in diesem Buch und demgemäß nummeriert sind.

Erika Wimmers Gedichte erzeugen einen Sog, einen Sturm, in den man gerät sobald man die erste Seite des Buchs aufschlägt!

Petra Ganglbauer

Gertraud Klemm: Hippocampus

Roman

Verlag Kremayr & Scheriau
Wien, 2019

Klemm_hippocampusGertraud Klemm ist eine Meisterin des Hervorkehrens von (trotz der scheinbaren Aufgeschlossenheit unserer Gesellschaft) nach wie vor tabuisierten Themen.
In ihrem neuen Roman geht sie knallhart Bereichen nach, die sich zwischen der Kritik am Literaturmarkt generell und jener aus feministischer Sicht aufspannen.
Doch geht die Autorin auch weit darüber hinaus, denn herein funkt das ganze (Negativ-)Universum von Geschlechterverhältnis, familiären Strukturen und (insgesamt) hierarchischen Gesellschaftsstrukturen.
Anhand der Aufarbeitung von Leben und Wirken der verstorbenen und in ihren letzten Jahren dem Alkohol verfallenen, vom Literaturbetrieb enttäuschten und sohin auch daran gescheiterten feministischen Autorin Helene Schulze, die posthum für den Deutschen Buchpreis gehandelt wird, tobt sich Gertraud Klemm literarisch aus, indem sie sich kein Blatt vor den Mund nimmt.
Elvira, Helenes Freundin und ehemalige feministische Kampfgefährtin, stößt beim Sortieren des Nachlasses und der Utensilien der Verstorbenen auf die unerträglichen Strukturen der Medien- und PR-Maschinerie und wehrt sich, indem sie ein Interview abbricht, das eine Art Nachruf auf die Verstorben sein soll.
Was dann folgt, ist eine Art „Heldinnenreise“ bis nach Neapel, gemeinsam mit dem Kameramann Adrian. Elvira sprengt unterwegs Normen und patriarchalische Muster. Atemlos, pointiert, frech und politisch engagiert erzählt Gertraud Klemm die radikalen Ausritte, welche Elvira unternimmt, um die Biografie ihrer Freundin, ihre Reputation zu zurecht zu rücken.
Gertraud Klemm agiert mit vollem Einsatz: Das Seepferdchen, Hippocampus, wird etwa beispielgebend eingesetzt, weil es das einzige Tier ist, bei dem die Männchen die Jungen austragen und gebären. Ein gelungener Streich, denn Klemm ist selbst auch Biologin. Gegen Ende des Romans, in Neapel, gelingt ein weiterer Geniestreich, als Elvira, da „es ein Fluch ist, als Frau geboren zu sein“, sich unter anderem inmitten all der antiken Kopulationsszenen findet und etwas tut, was bis heute ein „NO GO“ ist!

Wie immer exponiert sich die Autorin, indem sie ihren ungeheuren Sprachfluss mit
kritischen Aspekten anreichert; dennoch ist das Buch von der ersten bis zur letzten Seite spannend und leicht lesbar.
Petra Ganglbauer

Peter Giacomuzzi: mannfrau

Prosa

Gangan Verlag
Sydney 1999 und Stattegg 2019

giacomuzzi-cover-U1Mit Peter Giacomuzzis „mannfrau“ legt der Gangan Verlag nach zwanzig Jahren eine Prosa wieder auf, die 1999 als e-book bei Gangan erschienen war und 2010 von der Zirler Edition BAES unter dem Titel „frann“ nachgedruckt wurde. „mann“, „frau“ und „mannfrau“ – das sind die drei Kapitel der so genannten „novela“. Abwechselnd wird hier aus der „er“- bzw. „sie“- und „ich“- Perspektive erzählt, was zu einer komplexen Verschränkung der schwer fassbaren Figuren im Kopf des Lesers/der Leserin führt.

Der Ort, an dem sich die erzählende Stimme von „mann“ aufhält, ist ein Gasthaus, die Zeit unbestimmt. „eigentlich müsste ich schon längst krepiert sein, eigentlich bin ich schon lange zugrunde gegangen.“ Was diese Figur von sich gibt, ist eine verbal-aggressive Attacke gegen den Zustand der Welt. In seinem Räsonnieren erscheint die Familie als trostlos, sie gibt keinen Halt, alles ist ein Gegeneinander der Geschlechter. „mann und frau, das ging nicht mehr zusammen.“ Die Arbeit ist unbefriedigend und bedeutungslos, der tägliche Gang ins Gasthaus eine lustlose Gewohnheit. Unbemerkt von den anderen löst sich dieses „ich“ / „er“ auf, „fließt“ zu Boden. „die gedanken existierten alleine, die sprache ohne worte, das fleisch ohne formen.“ Diese Figur fühlt sich nicht. Und langsam wird klar: Es ist ein alltägliches Leben, das sich schonungslos ausspricht, mitsamt dem Ekel daran, der sich wortreich und grauslich artikuliert. Mit dieser Figur des Mannes kotzt sich einer gründlich aus. „arbeiten war sein einziger zweck, arbeiten und am abend in die gaststätte gehen.“ Nur das Körperliche gilt ihm als Lebensäußerung. Als seine Frau stirbt, geht er kotzen, um sich zu spüren. Dass sie so einfach eines Morgens tot im Bett gelegen hat, verzeiht er ihr nicht. Eine namenlose, prototypische Allerweltsfigur beleuchtet ihr geheimnisloses Allerweltsschicksal, in dem nichts von Bedeutung geschieht und alles, was geschieht, von der Fadesse der Wiederholung affiziert ist.

Im Kapitel „frau“ destilliert sich aus der kunstvollen Verschränkung der Perspektiven eine weibliche Figur, die einfühlsamer erzählt wird. Diese Frau ist eine Gestalt mit einem ausgeprägten Bewusstsein ihrer selbst, das sie zu den Dingen, Ideen, Wünschen und ihren Vorstellungen in eine Beziehung treten lässt. Sie besitzt Erinnerungen an glückliche Momente ihrer Kindheit, die sie ebenso prägen wie ihre späteren Aufsässigkeiten, und einen Gestaltungswillen, mit dem sie den Dingen um sich herum das ihr gemäße Aussehen verleiht. Es ist bei allem, was sie tut, ein gewisser Experimentalcharakter am Werk, mit dem sie durchs Leben geht. Ohne Vorbehalte, immer rein in die Herrenwelt, schonungsloses Erfahrungmachen, und auch immer gleich wieder weg. Von Ehe und Scheidung erfährt man in einem Satz, scheinbar Bagatellen in ihrem Leben. Diese Frau ist neugierig, ja gierig aufs Leben. „ihre wohnung war sie selbst, und niemand war jemals bis hierher gedrungen. kein telefon, keine adresse, kein briefkasten.“ Namenlos auch sie.

Im dritten Kapitel, „mannfrau“, der Synthese aus „frau“ und „mann“, werden der Mann und die Frau zusammengeführt: Sie finden sich anfangs zu einer belanglosen sexuellen Aktion zusammen. Aus einer Begegnung sexualisierter Körper entsteht die Beziehung zweier Zerflossener, Aufgelöster, die mehrere Leben hinter sich haben. In weiteren Begegnungen der beiden kommt es zu Verletzungen, Erwachsenenspielen zwischen Verliebtheit und der Sucht nach Erniedrigung des anderen. „sie trafen sich, wie alle liebespaare mit erfahrung sich treffen. wie raubtiere, die um die gegenseitige gefährlichkeit bestens informiert sind. offen, selbstsicher, nur keine blößen zeigen, die alle weiteren schritte in eine ungewünschte richtung gelenkt hätten.“ Zum Ende hin wird dieses Verhältnis sehr subtil herausgearbeitet. Gut beobachtet, gut geschrieben, gut gedacht von Peter Giacomuzzi. Ein Text, der sein Alter nicht verrät.

Florian Braitenthaller

LiLiT. Literarisches Leben in Tirol, Rezensionen 2010

Jörg Zemmler: Seiltänzer und Zaungäste

114 Begegnungen

Klever Verlag
Wien 2019

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An den Rändern der Wahrnehmung und des bewussten Umgangs mit dem Leben, dem Alltag bewegen sich Jörg Zemmlers leise und unaufdringliche Prosatexte, die alle als Titel Namen enthalten.
Sie wandern am menschlichen Grat zwischen dem Wollen und der Umsetzung, dem Wünschen und der Wunscherfüllung, der Klarheit und der Gespaltenheit.
Hinter einer bewusst gesetzten Schlichtheit der Inszenierung verbergen sich oft nicht nur Schmerzen, Unerfülltheiten oder Träume, sondern auch ganze Parallelwelten, wie etwa jene Werners, der obgleich Beamter, eine große Passion gegenüber der Vogelwelt hat. Diese Hinwendung lässt ihn über die Überschaubarkeit seines eigenen Lebens hinauswachsen.
Oder Gerhard, dem das Traurigsein das Glück verstellt, und der in einer kurzen Sequenz der Betrachtung seines Gesichts vor dem Spiegel Erlösung im Lächeln findet.
David wiederum, Schriftsteller, dem das „Müssen im Weg“ ist, kann sich nicht über seine Arbeit und deren Resultat freuen, obgleich er bereits eine Verlagszusage hat.

Ein Geheimnis von Literatur, welches die Leserinnen und Leser in Spannung hält, ist stets das Durchqueren der Erwartungshaltung. Genau dies ist bei Jörg Zemmlers neuem Buch der Fall.
Es sind kleinste Wendungen im Verlauf der Geschichten, zudem arbeitet der Autor da und dort mit dem Verdecken von dem wovon die Rede ist.
Er schreibt dann fast geheimnisvoll um eine Sache herum, die nie ausgesprochen wird, etwa im Text „Magda“.

Ein Buch, das (Lebens-) Geschichten enthält, die in ihrer Tiefe den Lesenden als Identifikationsgrundlage dienen können.

Petra Ganglbauer

Bernd Schuchter: Der Braumüller Verlag und seine Zeit

235 Jahre – eine Verlagschronik 1783 – 2018

Braumüller
Wien 2018

braumueller_chronikEs ist viel die Rede von Literatur, es ist oft die Rede von Autorinnen und Autoren bzw. deren Werken, was jedoch Seltenheitswert hat, ist die Auseinandersetzung mit einer Verlagsexistenz über 235 Jahre:
„Am Vorabend der französischen Revolution sucht der aus Salzburg stammende Johann Ritter von Mösle in Wien um eine Konzession für ein Verlags- und Sortimentsgeschäft an, die er am 26. März 1783 auch erhält. Das ist der Beginn einer mittlerweile 235-jährigen Geschichte, auf die der seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts unter dem Namen Wilhelm Braumüller firmierende Verlag zurückblicken kann.“

Der Autor, Verlegen und Historiker Bernd Schuchter hat sich an die akribische und zugleich im besten Sinn unaufdringliche Recherche gemacht und eine mit wunderbaren fotografischen Aufnahmen illustrierte und ästhetisch aufgemachte Verlagschronik zusammengestellt, die einerseits das Gesellschaftsgeschehen über beinahe zweieinhalb Jahrhunderte aufrollt und andererseits eine Schau auf die spezifische Entwicklungsgeschichte des Braumüller-Verlags selbst eröffnet.
Bernd Schuchter zeichnet den Entwicklungsweg des Verlages im Spiegel der jeweils aktuellen gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse sowie des Literaturbetriebs.

Angesprochen werden auch Tendenzen im Verlagsgeschehen überhaupt:
Beispielsweise „der“ beinahe zeitlose „Kampf der Autoren um eine angemessene Honorarabgeltung“ oder im Speziellen die „wienerische Anbiederung der Verleger an Kunden“, ein Zitat des legendären Gründerzeitverlegers Kurt Wolff, der u.a. Franz Kafka, Georg Trakt oder auch Gottfried Benn herausgab.
Ebenso behandelt werden die technischen Entwicklungen, das je nach politischer Lage wechselnde Leseverhalten, Zensurgehabe, die Auswirkungen der amerikanischen Unterhaltungsindustrie und schließlich auch die Findigkeit Braumüllers:
„Die Wilhelm Braumüller Verlagsbuchhandlung wurde jedenfalls kurz nach den Revolutionswirren im Jahre 1849 zum alleinigen Buchhändler für die neu geschaffene Akademie der Wissenschaften.“
Die Mechanismen des Nationalsozialismus machten auch vor dem Braumüller Verlag nicht Halt. Der Verlag fand sich „in diesen Jahren in widrigen Gewässern, intellektuell gesehen in stürmischer See.“

Hoffnungsfroh macht die aussagekräftige Schlusssequenz des Buches, in der der Verleger Wilhelm Braumüller fiktiv dem idealen Leser begegnet und zu ihm sagt:
„Es geht am Ende nicht nur um den Verkauf. Es geht um die Leserin, den Leser. Es geht um das Buch.“

Ein empfehlenswertes Buch, das auch aus einem idealistischen Gestus heraus gemacht ist.

Petra Ganglbauer

Marc Adrian: Die Wunschpumpe

Eine Wiener Montage

Gangan Verlag, Sydney und Wien 1991
304 Seiten, 40 Illustrationen, gebunden

die_wunschpumpemarc adrians pumpe fördert allerhand zutage, läßt keine wünsche offen, dabei plumpst vieles, das sich bis dato mächtig ins zeug legen konnte, wie nichts weg. als würde der GSCHWINDE eine liaison mit dem johannesevangelium in der löwengasse vom zaun brechen wollen, auf daß es dem GERONIMO die augen in ein wiener schnitzel katapultiert: hier steht sie vor uns – die zusammenfügung scheinbar disperatester teile, und doch könnte man sich keine anderen vorstellen, um selbst nestroys geist zu beschwören: „i sags nur, weul i grad davon red“, oder so ähnlich. scharf geschnittene kader klatschen da auf noch schärfere. dem voyeur sind alle möglichkeiten geboten. – schließlich öffnet nicht alle tage das „kunstwerk, die dichtung“ als „ein ort der macht des negativen denkens“ die vulva wie das erstbeste scheunentor eines klapprigen denkens. gegen diese wunschpumpe verkommt selbst die „seelandschaft mit pocahontas“ zu einem zarten lercherlschas innerhalb der deutschsprachigen literatur dieses auslaufenden zwanzigsten jahrhunderts. was schmidt forderte („der grundirrtum liegt immer darin, daß die zeit nur als zahlengerade gesehen wird, auf der nichts als ein nacheinander statthaben kann. ‚in wahrheit‘ wäre sie durch eine fläche zu veranschaulichen, auf der alles ‚gleichzeitig‘ vorhanden ist“), löst adrian ein, wobei noch hinzukommt, daß es bei ihm nichts flaches gibt. dagegen würden sich auch seine protagonisten (z.b. der LEWENDICHE, die HAMBURGERIN und der TEXASHIAS) verdammt stemmen.

Gerhard Jaschke