Erika Kronabitter: La Laguna

Roman

Verlag Wortreich
Wien 2016

Erika Kronabitter arbeitet seit Jahren konsequent im Kontext verschiedener literarischer Gattungen, mehr noch, sie unternimmt Quergänge, Übergänge, Grenzüberschreitungen und setzt ihre Bücher auch immer wieder konzeptuell um.
Jüngstes Beispiel ist ein Roman, der auf autobiografischer Erfahrung basiert, dahingehend auch Geheimnisse transparent werden läßt und doch und dennoch – beinahe raffiniert – auch mit dem Krimi-Genre spielt und eine sehr geordnete Gliederung aufweist:
Kapiteltitel (und seien die Texte, Kapitel auch bisweilen kurz), die Klarheit signalisieren. Ebenso finden sich in diesem Roman E-Mail-, wie auch Behördenzitate.
Der Roman ist also dergestalt aufgebrochen und gewinnt trotz einer gewissen Schwere des Themas an formaler Leichtigkeit!

Das Buch umkreist die Liebe von Hanna und Beppo Ende der Fünfziger Jahre / Anfang der Sechziger Jahre – die Rede ist aber auch von Elena, der gemeinsamen Tochter – und zeichnet , trotz Handlungsintensitität (ein ungeklärter Mordfall) und Plastizität, auf eine ganz eigene, sensible und behutsame Weise die Charaktere und Situationen „Im Nochdunkel drang ein Wischen in den Schlaf…“

Was sich im Laufe der Geschichte abzeichnet, ist mehr als mysteriös – die Autorin erzählt ihren mithin sehr authentischen Zugang, ihre Version eines Geschehens.

Ein Buch, das sich gerade jetzt, in dieser anregenden, aktivierenden Jahreszeit (es ist Sommer) überallhin mitnehmen und Passage für Passage gut und auf spannende Weise erkunden lässt.

Petra Ganglbauer

Mike Markart: Ich halte mir diesen Brief wie einen Hund

Roman

Edition Keiper
Graz 2014

mike_markart_brief_coverAuf gewohnt eigenwillige, an den schmalen Rändern der Wirklichkeitswahrnehmung befindliche Weise hat Mike Markart auch den dritten Teil seiner »seltsamen, autobiografischen Trilogie« verfasst. Vorangegangen sind »Calcata« (2009) und »Der dunkle Bellaviri« (2013).

Markart gelingt es stets, jene Individuen präzise, authentisch und lakonisch zu zeichnen, die sich von den Vorgaben dieser unserer Gesellschaft (Schnelligkeit, Wettbewerbsverhalten etc.) freiwillig oder notgedrungen absondern und dennoch eine überraschende Selbsteinschätzung aufweisen.

Ruhig, mit Sinn für das Essentielle und nur vordergründig mitteilsam, gebärdet sich der Ich-Erzähler auch in diesem Roman, wiewohl dieser verschiedenste Blickwinkel und Perspektiven auf das Geschehen aufweist.

Randständigkeiten, Bewußtseinsverrückungen sind essentielle Elemente der Handlungen und (gedanklichen) Ereignisse, dennoch arbeiten sich konkrete Inhalte wie etwa die Beziehung des Ich-Erzählers zu Marina heraus; er schreibt einen Brief an sie, den er jedoch nie abschickt. „Marina./ Ich habe nur dein halbes Leben./ Die andere Hälfte ist Dunkelheit./ In jener Hälfte ist all das vermerkt, was du vor mir ver/bergen möchtest.“

Zart sind die Empfindungen gezeichnet, zart und poetisch, auch wenn sie sich an den Rändern tiefster, kohlrabenschwarzer Abgründe auftun.

Ein schönes Buch.

Petra Ganglbauer

Friedrich Hahn: Der Setzkasten. Oder: Erwin und die halben Luftballons.

edition keiper
Graz 2015

Merkwürdig und eigenwillig entrückt zeigt sich der Protagonist „Einer“ in diesem skizzenhaften, aufgebrochenen Roman, dessen Form der Innenwelt des Mannes kongenial entspricht.
„Einer“ will, dass nichts zu Ende geht, er lebt abgesetzt von seiner Vergangenheit, die gewissermaßen gelöscht ist und nur punktuell im Kopfkino „Einers“ aufblitzt, etwa als der vermeint, seiner noch blutjungen Mutter zu begegnen. Er setzt sich mit philosophischen Fragen auseinander, hat „Merkprobleme“, unzählige Projekte, verschickt leere Kuverts, „wenn er Mitteilungen zu machen hat“ oder schaut Filmfiguren ihre Verhaltensweisen ab.
Seine mehr oder weniger einzige Bezugsperson ist Gisela, deren kryptisches Vorleben er beinahe bis zum Ende des Romans nicht kennt.

Friedrich Hahn ist es gelungen, mit dieser Figur ein mehrschichtiges Psychogramm anzulegen, welches hinter der Figur des „Einer“ noch Facetten eröffnet, die weit ins Gesellschaftspolitische und Soziale hineinreichen. Er hält die Eigenart des Protagonisten, welche sich auch in seiner Sprachreflexion äußert, profiliert durch – dieser erfährt auch gewisse Wandlungen. Gegen Ende des Romans ergibt sich schließlich eine unerwartete Dynamik, die „Einer“ jedoch wieder ganz „zurückwirft“ auf das Potentielle, Unfertige, Fragliche.
Hahn unternimmt am Ende des Buches noch einen Kunstgriff: Die Druckerschwärze verblasst, der Raum zwischen den Zeilen wird größer. Eine schöne Zusammenschau aus Inhalt und Form!

Ein komplexes, empfehlenswertes Buch!

Petra Ganglbauer

Bernd Schuchter: Föhntage

Braumüller Verlag
Wien 2014

Zart, wie hinter einem Schleier oder einer Glasscheibe, mit pastellener, sensibler und leiser Sprache kommt dieser Roman auf die Lesenden zu. Achtsam geht er mit einer Kindheit in Innsbruck um, jener des jungen Lukas sowie anhand dieser Kindheit mit den beispielgebenden sozialen Konstituenten etwa eines Jahrzehnts zunächst, einer Zeit, in der man im Sommer an die Adria fuhr oder Super8 Familien-Urlaubsfilme drehte bzw. Schillinge in Lire umtauschen musste. Bis hierhin bietet er eine lebendige Identifikationsebene auch für jene, die nicht in Innsbruck sondern anderswo in Österreich zu jener Zeit ihre Kindheit verbrachten.

Zugleich entwirft Bernd Schuchter jedoch ein gesellschaftliches Setting, indem er die Wohn-Architektur jener Zeit, den gesellschaftspolitischen Zugang und insbesondere die Historie des Südtirol Konflikts anhand der Erinnerungen des alten Lahner, den Lukas immer wieder aufsucht und auf Spaziergängen begleitet, aufrollt; und Lukas „hängt“ förmlich „an den Lippen“ des alten Mannes, wenn dieser seine Lebensgeschichte erzählt.

Zudem und der Vollständigkeit halber lernen wir Giuseppe Monte kennen, einen Mann, der sich nicht allzu gerne an seine frühen Jahre als Carabinieri erinnert, die ihn wesentlich als Täter ausmachen; er erfährt jedoch schließlich eine gewisse Läuterung.

Ohne grelle Inszenierungsversuche sowie äußerst authentisch schildert Bernd Schuchter anhand dieser sehr persönlichen Lebensgeschichten politische und gesellschaftliche Zusammenhänge – und der bereits zitierte sanfte Duktus des Romans bewirkt, dass man ihn gerne und mit wirklichem Interesse liest.

Petra Ganglbauer

Mike Markart: Der dunkle Bellaviri

Roman

Edition Keiper
Graz 2013

markart_bellaviriWie in seinen bisherigen Büchern unternimmt Mike Markart auch diesmal die mutige und riskante Gratwanderung an der Schnittstelle zwischen Identitäten und deren Brüchen, Rollen und deren Zerfall, Tag und Nachtbewusstsein und inszeniert auf diese Weise einen Roman, in dem die Figur(en) multipel angelegt (ist) sind. Der Erzähler erzählt dem (Findelkind) Garetti sein Leben. Dieses wiederum evoziert das Erscheinen Bellaviris.

Innenschau, absonderliche Empfindungen und Verstörungen sind kennzeichnende Merkmale der Bücher des steirischen Autors, der in diesem Roman – wie auch schon zuvor – Italien mit all seinen (Empfindungs)räumen heranzieht, indem der Erzähler mit Phantasiegestalten umzugehen sucht, obgleich er sie loswerden möchte. Er komponiert schließlich Geschichten, die diese eigenartigen Gestalten auflösen.
Ein komplexes, literarisches Unterfangen!

Der Duktus in Mike Markarts Büchern ist ein äußerst konsequenter, die „strange“ Gefühlsqualität spiegelnder, (analog zu den Gefühlsakkumulationen) stark rhythmisierter, der die Eindinglichkeit der Empfindungen noch manifester macht.

Ein von Seelen(an)spannung erzählendes, empfehlenswertes Buch!

Petra Ganglbauer

Erika Kronabitter: Nora. X.

Limbus Verlag
Innsbruck 2013

Ebenso fragil wie berührend ist der Roman von Erika Kronabitter. Er verkörpert Teil drei einer Romantrilogie, deren Teile Mona Liza und Viktor dem nun vorliegenden Buch vorangingen.

Abgesehen davon, dass das neue Buch im Kern thematisch um Geschwister, die zunächst sehr unterschiedliche Wege gehen, um das Aufarbeiten und Erinnern einer Kindheit und das Spannungsfeld von Nähe und Distanz zum eigenen (Er)Leben oder auch um Neubeginn kreist, wendet die Autorin formal spannende Methoden an:
So gibt es immer wieder „lyrische Intros“, kursiv geschrieben, die etwas Dramatisches und Spannungsgeladenes an sich haben, die also inhaltliche Steigerungen aufweisen: Diese Sequenzen machen das seelisch Verschüttete mithin transparent.
(Hat nicht Else Lasker-Schüler vom Drama als „schreitende Lyrik“ gesprochen?!)

Zudem wechselt Erika Kronabitter den Erzähl-Duktus.
Da finden sich bedrohliche Satzraffungen “Anordnung. Drohend“ ebenso wie politische oder kulturhistorische Exkurse (in Spanien), Tagebuch(-ähnliche) Einträge und zahlreiche dialogische und szenische Sequenzen zwischen Nora und ihrem Bruder, die jeder für sich und gewissermaßen auch gemeinsam vor der Vergangenheit geflohen sind.

Jedoch am Ende öffnet sich eine Türe… Lesenswert!

Petra Ganglbauer

Martin Kolozs: Immer November

Mitter Verlag
Wels 2012

Die berufliche Identität von Martin Kolozs ist genauso weit gefasst wie die Genreüberschreitungen in seinem Roman.
Er ist nicht nur Autor, sondern auch Verleger und Journalist, hat Theater- und Liedtexte geschrieben oder auch diverse Literaturprojekte konzipiert.

„Immer November“ ist spielerisch angelegt, changiert zwischen Fiktion und Realität, Phantasie und Weltlauf, vermeintlichen Identitäten, Literatur und Sein.
Bezeichnend die intertextuellen Bezüge, der bewusst entspannte flapsige Duktus, der an Genreliteratur erinnert sowie die atmosphärischen Rückblenden oder auch philosophischen Exkurse, wenn es um Identität geht.

John Salten, der Protagonist, begibt sich nach New York und stürzt sich in den Genuss, trinkt, hat Affären. Seine Ausrichtung findet er erst, als er dem Pulitzer-Preisträger Norman T. begegnet, einem extremen Charakter.

Das Buch liest sich leicht und flüssig, ist aber komplex angelegt; dahinter steckt eine wohl überlegte Konzeption.

Unterhaltsam und geistreich!

Petra Ganglbauer

Alfred Gelbmann: Trümmerbruch oder Die Entdeckung des glücklichen Raumes

Kyrene Verlag
Innsbruck-Wien 2012

Anläßlich der jüngsten „Tage der deutschsprachigen Literatur“ in Klagenfurt argumentierte eine der Jurorinnen hinsichtlich des komplexen und dicht gewirkten Textes einer Autorin, indem sie von „Zeitmanagement“ sprach. Aus meiner Sicht ist dieses Wort unzulänglich und absolut unpassend für den Umgang mit Literatur, mehr noch, es ist dem Leistungsgesellschaft-Kontext entnommen und somit Kind eines Geistes, der in keinster Weise künstlerische Wahrnehmung zulässt.

Das vorliegende Buch Alfred Gelbmanns ist so etwas wie die poetische Antwort, das poetische Gegenstück zu obigem Wort. Wie der Titel „Trümmerbruch“ sagt, liegt das Leben des Protagonisten Moser, einem Anstaltshäftling, hinsichtlich der historischen und privaten Vorkommnisse wie seiner innerseelischen Befindlichkeit versprengt da. In der Zelle jedoch entdeckt der Protagonist seinen glücklichen Raum.
Moser, der von der Anstaltsleitung den Auftrag erhält, Niederschriften zu fertigen, will über die Anfänge dieser Niederschriften ganz bewußt nicht hinauskommen, weil, wie er meint, andere diese weiter- und fertigschreiben sollten, etwas, das schließlich der Autor des Buchs, dem die fragmentarischen Seiten der Niederschriften 6 und 6a, nach dem Verschwinden Mosers aus der Zelle, ausgehändigt werden, seinerseits tut.

Alfred Gelbmann setzt den Roman wiederholt, in immer neuen Anläufen und aus unterschiedlichsten Bewußtseinswinkeln, Erzähl-Perspektiven wie auch basierend auf verschiedensten Quellen (vom Intertextuellen bis hin zur Zeitungsmeldung) an.
Diese Schwenks geschehen plötzlich und erwirken dadurch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Erzählten, an dessen „Nahstellen“ man sich sozusagen als Leserin / Leser befindet. Allem voran von Verstörung erzählt dieser Roman, von Vereinsamung und Flucht, von seligen Erinnerungen an Kindheit, von unlebbarer Liebe, von Treue und Isolation, von einer Art totalitärer Ordnung und Entpersonalisierung.
Immer wieder hält der nicht lineare Erzählfluß bei einem bestimmten Objekt (Kupfer, Glashütte…etc.) inne und zoomt es nahe heran, wechselt seinen Duktus, wird bisweilen zum Sachtext. Diese Textstellen verlangsamen uns beim Lesen, sie sind besonders nachdrücklich.

Die vielen Stimmen in diesem Buch sprechen aus unterschiedlichen Zeiten heraus, sie entspringen verschiedensten Orten. Dergestalt wird das Raumzeitgefüge stetig unterwandert!

Das Buch fordert Lesedisziplin, etwas, das es uns, den Lesenden, abzuringen gilt. Es ist spannend auf eine eigene Weise; eine Spannung, die wohl der großen Konsequenz hinsichtlich des Schreibakts entspringt. Und die Lektüre hinterläßt ihr Echo!

Absolute Empfehlung!

Petra Ganglbauer

Bettina Balàka: Kassiopeia

Roman

Haymon Verlag
Innsbruck 2012

Der kleine Tod in Venedig

Seit die Liebe keine Himmelsmacht mehr ist und ihr Gelingen auch nicht mehr in den Sternen steht, ist sie eine Angelegenheit von Risikostrategien – deren pointierte Version bekanntlich das Gefangenendilemma darstellt. – Tit For Tat ist demnach die Devise, im speziellen Fall: wenn Du Tricks einsetzt, tu ich das auch. Denn dass die Liebe ein seltsames Spiel ist, verkündete Connie Francis bereits 1960, und mit der Etablierung der spätmodernen Individualitätsgesellschaft sind die Spielregeln wohl noch um einiges komplexer geworden. Judit Kalman, die begüterte Tochter eines Salzburger Unternehmers und jung verwitwete Vierzigerin ist eine veritable Heroin des Liebesrisikos, welches ganz zu beherrschen sie mit einem ausgetüftelten Programm und mit Leidenschaft sich anschickt, denn auf die Sterne ist nur bedingt Verlass, zumal die Kassiopeia-Gruppe ja auch nicht das Venusgestirn ist. Und darüber hinaus spricht auch die Wahrscheinlichkeitskalkulation nicht gerade für glückende Liebe: Gianna, die Haushälterin der Wohnung in Venedig; wohin Judit ihr begehrtes Objekt, den Romanautor Markus Bachgraben verfolgt, bringt den Sachverhalt auf den Punkt, nämlich „dass die wechselseitige, gleich starke Liebe zweier Parteien zu den seltensten Zufallstreffern im Universum gehöre.“ Dieser Umstand ruft schier nach willentlicher Lenkung, denn letztlich will Judit „den richtigen Menschen finden, der zu ihr gehörte, wie es in den heiligen Büchern von der Vorsehung bestimmt war.“

„Alle Städte sind gleich, nur Venedig is e bissele anders“, weiß Torbergs Tante Jolesch, und die Besonderheit, die dort für die Stadt in Anspruch genommen wird, kann hier für Bettina Balakas Venedig-Roman geltend gemacht werden, denn souverän und gewitzt umschifft er die bekannten Venedig-Klischees wie etwa morbide Romantik oder Todespathos. Anstatt mit Romantik ist der Leser hier erst einmal mit Strategie konfrontiert, in die man gleichsam nach Komödienart Einblick erlangt, zumal vielfach aus Figurenperspektive erzählt wird. Romantische Liebe lebt von der Schicksalshaftigkeit, Judits Liebesstreben lebt vom Willen zum System: „Von ihrem Vater hatte sie gelernt, dass der, der ein Ziel verfolgte, Geduld brauchte“ Zu den sieben Erfolgsstrategien gehört, Vater Kalman zufolge auch: „Das Ziel niemals aus den Augen lassen. In keiner Minute des Tages.“ Also setzt sie auf Dauerbeobachtung und beherzigt vor allem folgende Regel: „Scheue dich nicht, von deinem Ziel besessen zu werden.“ Die Ursache für Judits Besessenheit liegt aber vielleicht gar nicht vorwiegend in den besonderen Eigenschaften des Liebesobjekts, denn die Schwächen der Männer, jene von Bachgraben besonders, erfahren in der Betrachtung gewiss keine Gnade. Sie liegt auch nicht so sehr in der Tatsache, dass dem aktuellen Beziehungsprojekt eine nächtliche Einmal-Begegnung mit Bachgraben vorausliegt, über deren Erlebnisqualität keine näheren Angaben gemacht werden und die wohl eher im Lichte von Judits allgemeiner Bewertung von Sex zu sehen ist: „Sex an sich war ja eine peinliche Angelegenheit, wenn man ihn unter dem Blickwinkel betrachtete, dass man sich nackt verrenkte, das Gesicht verzerrte, das Makeup verschmierte, die Frisur vernichtete, grunzte und röchelte und am Ende womöglich noch vaginal ejakulierte, sodass die Bettwäsche ganz nass war.“ Ein nicht unwesentlicher Grund, weswegen Judit zum weiblichen Homo Faber der Liebe wird, liegt wohl in der ehrgeizigen Lust am Strategiespiel: denn das mail, das Bachgraben nach diesem One-Night-Stand verfasst und das der spionierenden Judit zur Kenntnis gelangt, prognostiziert, dass es ein weiteres Mal mit dieser Blonden „sicher nicht“ geben werde. Auch um diese Absicht zu durchkreuzen, treibt sie den ganzen Aufwand, mit dem sie nach Art einer Katze Bachgraben nicht nur finanziell, etwa durch Kontosperre, in die Enge treibt. Und das ist für den Leser höchst vergnüglich, denn die Komödie, auch die – auf den ersten Blick – antiromantische, lebt von den bekundeten Intentionen der Gegenspieler und deren – zumindest versuchter – Durchkreuzung. Das Dringende von Judits Handlungsweise ergibt sich nicht zuletzt auch aus schlichten Prestigegründen: ihrer Freundin Erika hat sie nämlich erzählt, sie wäre mit Bachgraben liiert, und Erika reist ihr unvermutet nach Venedig nach, um das zu überprüfen, womit für reizvolle Turbulenzen gesorgt ist. Dass gerade Erika dort erfolgreicher in der Liebe ist, etwa wenn ein Gondoliere sie zielsicher, wenn auch unspektakulär, in Richtung kleiner Tod in Venedig geleitet, liegt einfach in den Unwägbarkeiten des Lebens, die im Roman raffiniert komponiert werden, und wohl auch an Erikas unromantischer Pragmatik: denn es verlangt sie „nicht nach Bindungen, sondern nach frischem, emanzipiertem, unverbindlichem Sex.“ Dass in dieser Figurenanlage auf kluge und ansprechende Weise das ganze und oft gar nicht so lustige Spektrum der „conditio amoris“ unserer Zeit aufgerollt ist, bemerkt der Leser vielleicht auch erst nach der spannenden Lektüre.

Kassiopeia ist aber nicht nur ein fesselnder Liebesroman, sondern er erfüllt in seiner eleganten Komposition auch wesentliche Eigenschaften des Künstler- und Generationenromans. Dank der Rückblenden in die Familiengeschichte der Kalmans, die mit dem wirtschaftlichen Aufstieg von Vater Kalman einen tragischen Hintergrund miterzählen oder mit den Analepsen in die südtiroler Abstammung wird wie von ungefähr und auf nahegehende Art auch ein gutes Stück österreichische Geschichte erfahrbar. Und dass die Bachgrabensche Schaffenskrise und deren unerhörte Lösung genug Stoff und Spannung für eine Künstlernovelle sui generis abgäbe, sei hier nur am Rande gestreift.

Natürlich ist Liebes- und Literaturgelingen in postmodernen Zeiten mitunter ein Effekt des literarischen Zitats, womit hier nicht die amüsante Chili-Schoten-Allusion auf einem Don-Juanesken Gegenwartsroman gemeint ist. Das eigentliche Zitat in diesem Buch ein werkkonstitutives: Bachgrabens fiktiver Roman Kassiopeia, „ein Märchen über die Liebe in eisigen Zeiten“, wie er in einer Rezension apostrophiert wird, wird nicht nur zitiert, sondern dieser entsteht eigentlich erst während der Lektüre von Bettina Balakas Roman. Er ist nämlich nicht nur dem Umschlag nach mit dem hier vorliegenden gleich, sondern bildet auch jene Leerstelle, die durch diese Romanhandlung mit Leben gefüllt wird. Womit modellhaft in einer unvergleichlichen Konvergenzbewegung der Roman das Leben fasst und das Leben poetisiert bzw. romantisiert wird. Entgegen der Botschaft von Lou van Burg und Barbara Kists Schlager aus dem Jahre 1959 steht nämlich nicht „alles in den Sternen, was dir vom Schicksal bestimmt“, sondern in den Büchern, besonders solchen mit Sternentitel.

Günther Höfler

Marietta Böning: Die Umfäller

Roman

edition ch
Wien 2008

 Die kühle, überzeugende und unausweichliche Atmosphäre in diesem Buch entsteht dadurch, dass die Autorin auf mehreren Wahrnehmungs- und damit Sprache-Ebenen agiert: Da ist das „setting“, da sind die Szenen, die Personen, das Agieren. Und – noch manifester – ist da diese Metaebene die immer mitspricht; wenn es um die Auswüchse der spätkapitalistischen urbanen Gesellschaft geht; um Zerstören, Verglühen, Zertrampeln, und Vernichtet werden. Um Opfergänge. Um Resignation. Das Buch ist hart aus unserer Wirklichkeit heraus gegriffen.

Es zeigt den Kampf der wirklichkeitskonstituierenden Methoden und Werkzeuge auf. Gerade aus dem sprachlichen Kalkül entsteht das Dräuen, zittert der Abgrund und bebt Satz für Satz, Wort für Wort mit.
Das sind nicht die Plätze, Menschen, Straßen, da teilt sich etwas Dunkles, Unabwendbares, Schweres, Lastendes von Beginn an mit. Dieser Abgrund bleibt, das Grau.
Das Cover, fast kontrastierend, wie aus einem Reiseprospekt, einem Video-Still gleich, als wollte es diesen Zustand aufreißen.

Empfehlenswert!

Petra Ganglbauer