Mike Markart: Ich halte mir diesen Brief wie einen Hund

Roman

Edition Keiper
Graz 2014

mike_markart_brief_coverAuf gewohnt eigenwillige, an den schmalen Rändern der Wirklichkeitswahrnehmung befindliche Weise hat Mike Markart auch den dritten Teil seiner »seltsamen, autobiografischen Trilogie« verfasst. Vorangegangen sind »Calcata« (2009) und »Der dunkle Bellaviri« (2013).

Markart gelingt es stets, jene Individuen präzise, authentisch und lakonisch zu zeichnen, die sich von den Vorgaben dieser unserer Gesellschaft (Schnelligkeit, Wettbewerbsverhalten etc.) freiwillig oder notgedrungen absondern und dennoch eine überraschende Selbsteinschätzung aufweisen.

Ruhig, mit Sinn für das Essentielle und nur vordergründig mitteilsam, gebärdet sich der Ich-Erzähler auch in diesem Roman, wiewohl dieser verschiedenste Blickwinkel und Perspektiven auf das Geschehen aufweist.

Randständigkeiten, Bewußtseinsverrückungen sind essentielle Elemente der Handlungen und (gedanklichen) Ereignisse, dennoch arbeiten sich konkrete Inhalte wie etwa die Beziehung des Ich-Erzählers zu Marina heraus; er schreibt einen Brief an sie, den er jedoch nie abschickt. „Marina./ Ich habe nur dein halbes Leben./ Die andere Hälfte ist Dunkelheit./ In jener Hälfte ist all das vermerkt, was du vor mir ver/bergen möchtest.“

Zart sind die Empfindungen gezeichnet, zart und poetisch, auch wenn sie sich an den Rändern tiefster, kohlrabenschwarzer Abgründe auftun.

Ein schönes Buch.

Petra Ganglbauer

Mike Markart: Der dunkle Bellaviri

Roman

Edition Keiper
Graz 2013

markart_bellaviriWie in seinen bisherigen Büchern unternimmt Mike Markart auch diesmal die mutige und riskante Gratwanderung an der Schnittstelle zwischen Identitäten und deren Brüchen, Rollen und deren Zerfall, Tag und Nachtbewusstsein und inszeniert auf diese Weise einen Roman, in dem die Figur(en) multipel angelegt (ist) sind. Der Erzähler erzählt dem (Findelkind) Garetti sein Leben. Dieses wiederum evoziert das Erscheinen Bellaviris.

Innenschau, absonderliche Empfindungen und Verstörungen sind kennzeichnende Merkmale der Bücher des steirischen Autors, der in diesem Roman – wie auch schon zuvor – Italien mit all seinen (Empfindungs)räumen heranzieht, indem der Erzähler mit Phantasiegestalten umzugehen sucht, obgleich er sie loswerden möchte. Er komponiert schließlich Geschichten, die diese eigenartigen Gestalten auflösen.
Ein komplexes, literarisches Unterfangen!

Der Duktus in Mike Markarts Büchern ist ein äußerst konsequenter, die „strange“ Gefühlsqualität spiegelnder, (analog zu den Gefühlsakkumulationen) stark rhythmisierter, der die Eindinglichkeit der Empfindungen noch manifester macht.

Ein von Seelen(an)spannung erzählendes, empfehlenswertes Buch!

Petra Ganglbauer

Bettina Balàka: Kassiopeia

Roman

Haymon Verlag
Innsbruck 2012

Der kleine Tod in Venedig

Seit die Liebe keine Himmelsmacht mehr ist und ihr Gelingen auch nicht mehr in den Sternen steht, ist sie eine Angelegenheit von Risikostrategien – deren pointierte Version bekanntlich das Gefangenendilemma darstellt. – Tit For Tat ist demnach die Devise, im speziellen Fall: wenn Du Tricks einsetzt, tu ich das auch. Denn dass die Liebe ein seltsames Spiel ist, verkündete Connie Francis bereits 1960, und mit der Etablierung der spätmodernen Individualitätsgesellschaft sind die Spielregeln wohl noch um einiges komplexer geworden. Judit Kalman, die begüterte Tochter eines Salzburger Unternehmers und jung verwitwete Vierzigerin ist eine veritable Heroin des Liebesrisikos, welches ganz zu beherrschen sie mit einem ausgetüftelten Programm und mit Leidenschaft sich anschickt, denn auf die Sterne ist nur bedingt Verlass, zumal die Kassiopeia-Gruppe ja auch nicht das Venusgestirn ist. Und darüber hinaus spricht auch die Wahrscheinlichkeitskalkulation nicht gerade für glückende Liebe: Gianna, die Haushälterin der Wohnung in Venedig; wohin Judit ihr begehrtes Objekt, den Romanautor Markus Bachgraben verfolgt, bringt den Sachverhalt auf den Punkt, nämlich „dass die wechselseitige, gleich starke Liebe zweier Parteien zu den seltensten Zufallstreffern im Universum gehöre.“ Dieser Umstand ruft schier nach willentlicher Lenkung, denn letztlich will Judit „den richtigen Menschen finden, der zu ihr gehörte, wie es in den heiligen Büchern von der Vorsehung bestimmt war.“

„Alle Städte sind gleich, nur Venedig is e bissele anders“, weiß Torbergs Tante Jolesch, und die Besonderheit, die dort für die Stadt in Anspruch genommen wird, kann hier für Bettina Balakas Venedig-Roman geltend gemacht werden, denn souverän und gewitzt umschifft er die bekannten Venedig-Klischees wie etwa morbide Romantik oder Todespathos. Anstatt mit Romantik ist der Leser hier erst einmal mit Strategie konfrontiert, in die man gleichsam nach Komödienart Einblick erlangt, zumal vielfach aus Figurenperspektive erzählt wird. Romantische Liebe lebt von der Schicksalshaftigkeit, Judits Liebesstreben lebt vom Willen zum System: „Von ihrem Vater hatte sie gelernt, dass der, der ein Ziel verfolgte, Geduld brauchte“ Zu den sieben Erfolgsstrategien gehört, Vater Kalman zufolge auch: „Das Ziel niemals aus den Augen lassen. In keiner Minute des Tages.“ Also setzt sie auf Dauerbeobachtung und beherzigt vor allem folgende Regel: „Scheue dich nicht, von deinem Ziel besessen zu werden.“ Die Ursache für Judits Besessenheit liegt aber vielleicht gar nicht vorwiegend in den besonderen Eigenschaften des Liebesobjekts, denn die Schwächen der Männer, jene von Bachgraben besonders, erfahren in der Betrachtung gewiss keine Gnade. Sie liegt auch nicht so sehr in der Tatsache, dass dem aktuellen Beziehungsprojekt eine nächtliche Einmal-Begegnung mit Bachgraben vorausliegt, über deren Erlebnisqualität keine näheren Angaben gemacht werden und die wohl eher im Lichte von Judits allgemeiner Bewertung von Sex zu sehen ist: „Sex an sich war ja eine peinliche Angelegenheit, wenn man ihn unter dem Blickwinkel betrachtete, dass man sich nackt verrenkte, das Gesicht verzerrte, das Makeup verschmierte, die Frisur vernichtete, grunzte und röchelte und am Ende womöglich noch vaginal ejakulierte, sodass die Bettwäsche ganz nass war.“ Ein nicht unwesentlicher Grund, weswegen Judit zum weiblichen Homo Faber der Liebe wird, liegt wohl in der ehrgeizigen Lust am Strategiespiel: denn das mail, das Bachgraben nach diesem One-Night-Stand verfasst und das der spionierenden Judit zur Kenntnis gelangt, prognostiziert, dass es ein weiteres Mal mit dieser Blonden „sicher nicht“ geben werde. Auch um diese Absicht zu durchkreuzen, treibt sie den ganzen Aufwand, mit dem sie nach Art einer Katze Bachgraben nicht nur finanziell, etwa durch Kontosperre, in die Enge treibt. Und das ist für den Leser höchst vergnüglich, denn die Komödie, auch die – auf den ersten Blick – antiromantische, lebt von den bekundeten Intentionen der Gegenspieler und deren – zumindest versuchter – Durchkreuzung. Das Dringende von Judits Handlungsweise ergibt sich nicht zuletzt auch aus schlichten Prestigegründen: ihrer Freundin Erika hat sie nämlich erzählt, sie wäre mit Bachgraben liiert, und Erika reist ihr unvermutet nach Venedig nach, um das zu überprüfen, womit für reizvolle Turbulenzen gesorgt ist. Dass gerade Erika dort erfolgreicher in der Liebe ist, etwa wenn ein Gondoliere sie zielsicher, wenn auch unspektakulär, in Richtung kleiner Tod in Venedig geleitet, liegt einfach in den Unwägbarkeiten des Lebens, die im Roman raffiniert komponiert werden, und wohl auch an Erikas unromantischer Pragmatik: denn es verlangt sie „nicht nach Bindungen, sondern nach frischem, emanzipiertem, unverbindlichem Sex.“ Dass in dieser Figurenanlage auf kluge und ansprechende Weise das ganze und oft gar nicht so lustige Spektrum der „conditio amoris“ unserer Zeit aufgerollt ist, bemerkt der Leser vielleicht auch erst nach der spannenden Lektüre.

Kassiopeia ist aber nicht nur ein fesselnder Liebesroman, sondern er erfüllt in seiner eleganten Komposition auch wesentliche Eigenschaften des Künstler- und Generationenromans. Dank der Rückblenden in die Familiengeschichte der Kalmans, die mit dem wirtschaftlichen Aufstieg von Vater Kalman einen tragischen Hintergrund miterzählen oder mit den Analepsen in die südtiroler Abstammung wird wie von ungefähr und auf nahegehende Art auch ein gutes Stück österreichische Geschichte erfahrbar. Und dass die Bachgrabensche Schaffenskrise und deren unerhörte Lösung genug Stoff und Spannung für eine Künstlernovelle sui generis abgäbe, sei hier nur am Rande gestreift.

Natürlich ist Liebes- und Literaturgelingen in postmodernen Zeiten mitunter ein Effekt des literarischen Zitats, womit hier nicht die amüsante Chili-Schoten-Allusion auf einem Don-Juanesken Gegenwartsroman gemeint ist. Das eigentliche Zitat in diesem Buch ein werkkonstitutives: Bachgrabens fiktiver Roman Kassiopeia, „ein Märchen über die Liebe in eisigen Zeiten“, wie er in einer Rezension apostrophiert wird, wird nicht nur zitiert, sondern dieser entsteht eigentlich erst während der Lektüre von Bettina Balakas Roman. Er ist nämlich nicht nur dem Umschlag nach mit dem hier vorliegenden gleich, sondern bildet auch jene Leerstelle, die durch diese Romanhandlung mit Leben gefüllt wird. Womit modellhaft in einer unvergleichlichen Konvergenzbewegung der Roman das Leben fasst und das Leben poetisiert bzw. romantisiert wird. Entgegen der Botschaft von Lou van Burg und Barbara Kists Schlager aus dem Jahre 1959 steht nämlich nicht „alles in den Sternen, was dir vom Schicksal bestimmt“, sondern in den Büchern, besonders solchen mit Sternentitel.

Günther Höfler

Marietta Böning: Die Umfäller

Roman

edition ch
Wien 2008

 Die kühle, überzeugende und unausweichliche Atmosphäre in diesem Buch entsteht dadurch, dass die Autorin auf mehreren Wahrnehmungs- und damit Sprache-Ebenen agiert: Da ist das „setting“, da sind die Szenen, die Personen, das Agieren. Und – noch manifester – ist da diese Metaebene die immer mitspricht; wenn es um die Auswüchse der spätkapitalistischen urbanen Gesellschaft geht; um Zerstören, Verglühen, Zertrampeln, und Vernichtet werden. Um Opfergänge. Um Resignation. Das Buch ist hart aus unserer Wirklichkeit heraus gegriffen.

Es zeigt den Kampf der wirklichkeitskonstituierenden Methoden und Werkzeuge auf. Gerade aus dem sprachlichen Kalkül entsteht das Dräuen, zittert der Abgrund und bebt Satz für Satz, Wort für Wort mit.
Das sind nicht die Plätze, Menschen, Straßen, da teilt sich etwas Dunkles, Unabwendbares, Schweres, Lastendes von Beginn an mit. Dieser Abgrund bleibt, das Grau.
Das Cover, fast kontrastierend, wie aus einem Reiseprospekt, einem Video-Still gleich, als wollte es diesen Zustand aufreißen.

Empfehlenswert!

Petra Ganglbauer

Ruth Aspöck: (S)TRICKSPIEL

Montage

Edition die Donau hinunter
Wien-St. Peter am Wimberg 2003

Wohlstrukturiert, aus einem konsequenten Gestus heraus, aber auch spielerisch und sehr originell ist dieser neueste Band von Ruth Aspöck.
Geschichte, Mythologie oder auch Etymologie finden Eingang in das Thema und lassen nach und nach ein (S)TRICKSPIEL entstehen. Die geistreiche, ganz und gar nicht langatmige Aufarbeitung der (S)trickkunst ist wirklich gelungen. Aspöck operiert mit Mehrdeutigkeiten, Implikationen und Assoziationen: etwa wenn es um Verstrickung oder Trennung geht, um Aufwickeln oder Spinnen. Serielle Elemente lockern den dicht gewebten, jedoch in Kapitel unterteilten Textkörper, Skizzen und Fotomaterial: eine wohldosierte konzeptuelle Arbeit. Verschiedene Methoden spielen herein, Anleitungen etwa, in Wiederholungen angelegt, die keineswegs trocken und sachlich, sondern vielmehr originell sind. Immer wieder springt die Autorin zwischen Inhalt und Metaebene hin und her, – Metasprachliches funkt herein. So wird eine intellektuelle Spannung erreicht.

Das Buch ist ebenso unterhaltsam wie informativ und in jedem Fall auch für jene empfehlenswert, die von Stricken wenig Ahnung haben.

Petra Ganglbauer

Friedl/Hahn/Janisch/Neuwirth/Silberbauer: Tarot Suite

Roman

Deuticke
Wien-Frankfurt am Main 2001

Literatur ist stets das Zusammenwirken von Disziplinierung und spielerischem Umgang, Struktur und Intuition.
In diesem Sinne entstand auch der vorliegende Roman: Insgesamt fünf Autor/inn/en trafen sich, um sich mit der großen Arkana aus dem Tarot auseinanderzusetzen: Jede/r von ihnen zog eine Karte. 5 Abende folgten, mit Essen und je einer Geschichte, die stets eine andere Person erzählte.
Auflage war, thematisch die gezogene Karte zu behandeln und an Motive, bzw. Charaktere anzuknüpfen, beziehungsweise diese zu unterwandern oder zu unterbrechen; Konvergenzen und/oder Divergenzen zu schaffen.
Dem musikalischen Muster entsprechend, setzt sich die vorliegende „Suite“ aus 5 Sätzen zusammen:
Harald Friedl zog als erster: die „Gerechigkeit“; Norbert Silberbauer folgte mit dem „Einsiedler“; Margit Hahn schrieb den „Tod“; Barbara Neuwirth setzte sich mit dem „Wagen“ auseinander; Heinz Janisch beendete den Reigen mit der „Mäßigung“.

Was entstand, ist ein schön gesponnener Erzählfaden, nuanciert je nach Autor/in und Schreibduktus, bisweilen lauter, mit Zäsuren versehen, dann wieder zarter in der Stimmführung, grundsätzlich aber von einer gewissen stilistischen Übereinkunft:
Ein unterhaltsames und spannendes Gemeinschaftsprojekt – wie auch ein achtsam komponierter Lesegenuss, der sich als Anregung für ähnliche Experimente eignet.

Petra Ganglbauer

Ruth Aspöck: Schnaitheim

Sommerheimat

Edition die Donau hinunter
Wien-St. Peter am Wimberg 2000

„Die Zeit ist gekommen, die Heimatlosigkeit, …“
Mit dem ersten Satz tauche ich ein und vertraue mich jener Identitätssuche an, der die Autorin ihre Protagonistin unterzieht und welche sich aus insgesamt fünf Kapiteln zusammensetzt: Wegsuche Beruf/ Heimat Salzburg/ Sommer Schnaitheim/ Winter Linz/ Erinnerung Familie.

Aspöck gestaltet dieses Buch im Spannungsfeld zwischen einem sehr realen Außenraum (Orte, etwa Linz und Ulm wie auch das oberschwäbische Schnaitheim; öffentliche und private Personen; historische Fakten) und jenem spürbaren und nachvollziehbaren Empfindungsraum, mit dem die Autorin die innerseelische Befindlichkeit der Protagonistin zeichnet.
Diese Kindheits- und Jugendgeschichte einer Frau im Nachkriegseuropa gerät zur Selbstsuche einer sehr wachen und freiheitsliebenden, mutigen und selbständigen Persönlichkeit, hinter der wir deutlich die Autorin selbst erkennen, jedoch nur, weil diese es auch zuläßt. Berührend offen ist diese Prosa.
Ich vermute, dass sich die Suche nach Heimat auf kein Ziel ausrichten soll, sondern vielmehr zu einer immerwährenden Bewegung gerät.Die Protagonistin trotzt jeder Art von – auch örtlicher – Vereinnahmung:
„Brauche ich Heimat, um eine Welt zu haben?“, lautet bezeichnend der letzte Satz.

Petra Ganglbauer

Lucas Cejpek: Keine Namen

Roman

Sonderzahl Verlag
Wien 2001

Eine Schreibmanie, die einer genauen Kontrolle unterliegt und das scheinbar lose Reden, welches ganz gezielt das „Eigentliche“ verdecken soll, sind die beiden Motoren im vorliegenden Roman Lucas Cejpeks, welcher sich als Gesprächsbuch ausweist.
Interessant also wieder der konzeptuelle Ansatz wie in früheren Werken des Autors.

Inhaltlich geht es um einen Beamten, der interne Informationen aus dem (österreichischen) (Innen-)Ministerium an Meistbietende weiterleitet. Die Mechanismen des Geheimnisverrates sind es auch, welche er, wiederum gegen Bezahlung, an eine Journalistin weitergibt.
Aus diesem Interview setzt sich der Roman zusammen. Das Gespräch jedoch wird zum Monolog, dieser zur Instanz dieses Buches. Unmißverständlich bemächtigt sich der Beamte auch jener Gesprächsteile, die der Journalistin zuzuordnen sind, also Fragen, Vermutungen, Hinweise, Gesten… etc.und verwandelt sie sich implizit oder explizit an.

Die privaten Vorlieben des Beamten erfahren zunächst nur subtilste Andeutungen, etwa, dass er Kunstsammler ist. Das „Dräuende“ jedoch klingt während des gesamten Buches an, ist unterschwellig spürbar:
Rituell wiederkehrendes Herzstück dieser anfänglich nüchternen Camouflage ist eine erotische Wortkette aus Variationen, welche eine Abbildung auf einer Vase wiedergibt, die dem namenlosen Protagonisten gehört.

Der vorerst verlangsamte, schließlich immer rascher stattfindende und lauter werdende Satzlauf beansprucht eine eigenartige Dominanz für sich, der man sich als Leserin schwer zu enziehen vermag. Kalkül und Stringenz fungieren hier als Qualitäten, das Spiel mit Schreibgeschwindigkeiten. Stil und Inhalt spiegeln einander. Irgendwann schlägt das Allgemeingesellschaftliche ins Private um:
Die Obsessionen verselbständigen sich. Die Sprache auch. Sie geht durch.

Petra Ganglbauer

Bettina Balàka: Der langangehaltene Atem

Roman

Literaturverlag Droschl
Graz-Wien 2000

Im Spannungsfeld von Wissensansammlung und Weltgemisch – dicht, grell, überlaut, einerseits –, und der unwiderruflichen Einsamkeit individueller Existenz andererseits, bewegen sich die Ab-Schnitte in Bettina Balàkas Roman.

Zitate von Frank Wedekind und Werner Schwab werden vorangestellt, sie signalisieren vorerst einmal generell jene Gefühlslage des Buches, die auch noch durch Prolog und Epilog unterstrichen wird:

Das Festgefahrensein von Mensch (und Tier!) im ganz persönlichen Lebenszusammenhang, im Korsett der jeweils eigenen (Persönlichkeits)struktur.

Frau Graziani, die Protagonistin, fertigt Skizzen präparierter Tiere an und schickt sie ihrem Auftraggeber, den sie nie persönlich kennenlernt. Umso eigenartiger muten jene intimen Details an, welche die beiden einander bisweilen zukommen lassen. Es ist überhaupt so, als wäre einigen Personen in diesem Roman das Gefühl für Nähe und Distanz abhanden gekommen.

Alfred, Venezuela, Léa, Klaus etc. machen das persönliche Umfeld Grazianis aus, die – mitunter ungewöhnlichen – Episoden, kleine Höhepunkte ihres jeweiligen Lebens, werden von der Autorin kurzfristig scharfgestellt, um sogleich wieder dem Abtausch aus ebenso regem wie kühlem Brief- und Mail-Geschreibe überantwortet zu werden.

Kommuniziert wird also via E-mails, die sich, wie auch viele der postalischen Verständigungsversuche zu verlaufen scheinen; sie muten ins Leere gedacht/ geschrieben an; verfahren, als ob es keine/n Adressat/in/en gäbe.

Überlegungen zu Tod und Sexualität, fernen Ländern und Kulturen sowie vitale Traumschilderungen bilden eine weitere Ebene dieses Buchs.

Schließlich auch die optisch abgesetzten enzyklopädischen Hinweise.

Mitunter kippt die Sprache, läßt Anleihen vermuten, etwa beim schon zitierten Werner Schwab. Diese gewisse Inhomogenität wird noch verstärkt durch Prolog und Epilog, welche sich ihrerseits durch ihren fragilen, lyrischen Gestus vom übrigen Sprachgeschehen absetzen.

Ein gelungenes Zeitzeugnis ist dieser Roman, angereichert mit so vielem, was das heutige (westliche) Leben zu bieten hat, – er spannt den Bogen vom Archaischen zum Virtuellen, und legt auf diesem Wege die existentielle Isoliertheit jedes einzelnen Geschöpfes frei.

Petra Ganglbauer