Herbert J. Wimmer: Wiener Zimmer

100 Gedichte

Klever Verlag
Wien 2014

Das von Elfriede Gerstl stammende und den Gedichten vorangestellte Motto, das an dieser Stelle nicht verraten werden soll, um das Interesse den Band selbst zur Hand zu nehmen zu wecken, steht gewissermaßen stellvertretend für die im Buch versammelten Gedichte.

Lakonische Notate, lyrische Möbiusschleifen, die, obgleich nicht selten aus Listen gespeist, diese in ihrer Ausrichtung gedanklich oder auch formal gekonnt unterwandern, indem sie gegen Ende der Texte dergestalt abweichend sind, daß es kein Ziel, keine plausible Erklärung oder Antwort auf die existenziellen Fragen des Lebens gibt.

Oft treffen Gegenpole aufeinander: „erinnern wollen/ und vergessen wollen/ im selben augenblick“, Dispositionen, die das einfache rationale Fassungsvermögen nicht zu verarbeiten imstande ist; dadurch entstehen Reibungen, Denkanstrengungen und viel mehr noch, das Darüberhinausgehende.

Ein komplexer sprachspielerischer Band, der voll Komplexität steckt; in „Wiener Zimmer“ lebt ein kleines Sprachuniversum voll Esprit!

Petra Ganglbauer

Christine Huber: Sand im Gegenschuss

Edition Art Science
Wien und St. Wolfgang 2015

Gedichte, die sich dem Getriebe der Sprache und des Lebens überlassen – dezentralisierte Wort-Standorte ohne jeglichen Zwang zu einer linearen oder gar chronologischen Steuerung finden sich in reichem Ausmaß in dem vorliegenden Band, der Zyklen aus mehreren Jahren enthält – Dynamiken von Sprachläufen, Reflexionen, die ohne lyrische Sprechinstanz auskommen oder hinter denen sich eine solche geschickt verbirgt.

Mitunter muten die kurzen prägnanten Gedichte wie eine Miniatur-Schau auf Wirklichkeit an, das Periphere, Randständige, den Saum des Lebens unter die Lupe nehmend. Geräusche mischen sich ein, Bewegungen, Schattenrisse.

Gegen Ende des Bandes schließen die Texte kleinste Erzähleinheiten mit ein, die Leserin fällt sofort der Konvention anheim und rechnet mit einer Spur, einer Fährte – diese jedoch entzieht sich, entgleitet, bricht ab oder löst sich auf.

Darüber hinaus ergänzen die von der Autorin gefertigten Grafiken und Stempeldrucke kongenial die Gedichte, indem sie formale und strukturelle Spiegelungen sind!

Ein spannendes Buch, das zu intensiver Auseinandersetzung einlädt!

Petra Ganglbauer

Thomas Havlik: Syllables Shooter

30 Milliarden Silben
Audio CD

edition zeitzoo, www.zeitzoo.at
Wien 2015

Thomas Havlik, Autor, Soundpoet, Performer bezieht in seine akustische Arbeit nicht nur eigene Texte und Versatzstücke aus gebautem und gesammeltem Audiomaterial heran, sondern auch von anderen Künstler/inn/en eingesprochene Silben, Phoneme oder Samples sowie diverse Geräusche (auch jene von Maschinengewehren) oder auch Instrumentales von Kolleg/inn/en.

Die auf dieser ausgewählten und sowohl hinsichtlich der Audiostücke als auch der Bilder und Texte im Booklet ausnehmend spannend gestalteten CD enthaltenen Werke, sind – wie alle Arbeiten des Autors – in ihrer Brechung der spätkapitalistischen Verhältnisse und gesellschaftlichen Normen – ganz und gar auf der Höhe der Zeit angesiedelt.

Die Sprache der beigefügten und vom Autor selbst gelesene Texte, die immer wieder mit dem Soundmaterial interagieren, mutet wie eine Metasprache an, wohl auch durch die bewusste Häufung von Substantiven – auch wenn sie von gesellschaftlichen Involviertheiten erzählt: Die Wahrnehmungsperspektive ist in diesen Arbeiten jedenfalls eine ganz eigene, singuläre.

Und aus den insistierenden akustischen Anläufen wächst darüber hinaus gewissermassen bisweilen eine Neusprache etwa in „TAUMUR.“

Das akustische Potenzial des Autors ist nuanciert und weit gefasst.

Eine spannende Sammlung der jüngsten Arbeiten von Thomas Havlik.

Petra Ganglbauer

Ingram Hartinger: Dinge aus Angst

Gedichte

Wieser Verlag
Klagenfurt/Celovec 2015

Eine weit gespannte Zusammenschau aus Innerseelischem, Sprache, Weltbezug und Evokationen (von Referenztexten, Praetexten), die hier bisweilen wie Anspielungen anmuten, meist jedoch in Form von Zitaten in dieses lyrische Werk, das bisweilen wie eine Partitur anmutet, eingearbeitet sind, findet sich hier.

Der ganz große Schmerz, Verstörung, Einsamkeit und psychische Randgänge machen in diesem streng konzipierten Buch, das aus wiederkehrenden formal unterschiedlichen Einheiten besteht, von sich reden:
Da finden sich Prosagedichte, die manchmal wie Bekenntnisse, lebensphilosophische Reflexionen anmuten, dann wieder ein Stück Leben, ein Stück Alltag erzählen.

Ein anderer essentieller Teil des Buchs besteht aus Gedichten, die von weiteren lyrischen Zeilen anderer Schriftgröße ergänzt, kommentiert und um eine persönliche Note erweitert werden.: „Ein neuer Tag. Ein neuer/ Schmerz. Übrig bleibt schiere/ Wortspielerei. Die nicht von/ Ingram stammt – die von Ingram/ stammt. Mein sich zerkugelnder/ haltloser Geist. Wir beide erschrecken.“

Schließlich finden sich noch Gedichte, denen ein Zitat als Motto dient bzw. die jemandem gewidmet sind.

Ein ungeheure existenzielle Kraft durchdringt alle Texte, eine Kraft, die nur dann entsteht, wenn die Wahrnehmung sich fokussiert und befreit ist von allem Überfluss: „In the beginning is the scream…“ – (John Holloway) – so das Schlussmotto.

Petra Ganglbauer

Janko Ferk: Brot und Liebe

Gesammelte Gedichte

styria premium
Wien-Graz-Klagenfurt 2015

Brot und Wein … Brot und Poesie …“Brot und Liebe“.

Die existenziellen Parameter des Lebens geben die inhaltliche Richtung der in diesem Buch versammelten Gedichte vor. Janko Ferk konfrontiert sich mit den extremen Polen des Lebens: Geburt, Liebe, Tod; sie sickern auch in in das Schreiben ein: „ich schieße in das buch/…./anstatt blut/ rote tinte/ alle buchstaben/ sind tot“ heißt es etwa.

Das lyrische Ich teilt sich nicht nur poetisch sondern auch dermaßen authentisch mit, dass wir, die Rezipient/inn/en, uns in vielen der Gedichte wiederfinden.
„So heißt es etwa an einer Stelle: „das ziel/ das kreuz/ das ich mir selbst auferlegt habe“. Der Autor setzt hier wie anderswo in dem Band Zeilenzwischenräume ein, strukturiert formal entschieden mittels Sequenzen, was ermöglicht, dass das Weiß des Papiers nicht – wie oft erlebt – Leere und Raum sondern auch Verlangsamung, im vorliegenden Fall durchaus Mühsal – verkörpert.

Die Sprache in Ferks Gedichtband ist klar mithin, sie verstellt sich nicht; gerade deshalb teilt sich das Gewicht des Lebens und Sterbens unmittelbar mit, überträgt sich die Last, die das Individuum durch seine menschliche Existenz auf sich nimmt, eins zu eins auf die Leserin, den Leser.

Einige Gedichte muten wie ein partielles ABCDarium an und eines der bewegendsten Gedichte, vielleicht auch, weil so sehr inhaltlich auf der Höhe der Zeit befindlich, ist WÖRTERB/R/UCH:
„auf der stadtlichtung/ schärfe ich/ meine lichtheilige sprachgrenze/ die weite des atems/ an den grenzlinien/ ist staatenlos/ die herzwand/ bebt ganz fein/ wegen der weltangst“.

Ein lebensnahes Buch!

Petra Ganglbauer