Christian Steinbacher: Für die Früchtchen

Ein Plädoyer

Haymon Verlag
Innsbruck 2000

„Wenn sie mich sehen ich bin ein Ungeheuer der Einsamkeiten es sieht den Menschen zum ersten Mal und flieht nicht die Forscher bringen die Haut in ihrem Gepäck heim…“ heißt es bei Samuel Beckett in „Wie es ist“.

Christian Steinbacher, der rührige Denker, Autor, Verleger legt mit „Für die Früchtchen. Ein Plädoyer.“ seinen ersten Prosaband vor; und was bei Beckett steht, ließe sich durchaus auf dieses Buch übertragen. An höchst frequentierten Gedanken-Kreuzungen bewegt sich das ICH, – Ungeheuer des einsamen Scheiterns und Forscher in einem – unter ebenso rastlosen wie schöpferischen Infragestellungen, Korrekturen, Revisionen, Überlegungen – und immer wieder fließt höchst Persönliches, die Banalität des Alltags ein.

Es sprießen und wuchern Lust und Qual am Denken, am Schreiben, am denkenden Schreiben, am schreibenden Denken, – Steinbacher beruft sich hiebei auf das Potential der bilder- wie blumenreichen Sprache der Romantik; Novalis oder Jean Paul flackern auf und fungieren als Ausgangsorte wie auch konstitutive Elemente eines sehr rhythmisch geprägten Textkörpers, der unablässig wellenartig überschwappt, also letztlich nicht faßbar wird.

Aber dieser denkerisch-literarische Sprengstoff legt noch weitere Stimmen frei, wie jene Becketts oder Paul Wührs.

Eingeflochten wird die direkte Auseinandersetzung mit dem Schreiben, dem Rezipieren. „… Mißton!/ –Ja, aber so einfach geht das dann nicht./ –Nämlich Schönheit UND Mißton./ –ALSO Poesie.“, heißt es etwa an einer Stelle.

Fertil kommt diese Sprache daher und doch ist auf einer Meta-Ebene eine gewisse intellektuelle Trockenheit, Sachlichkeit spürbar, die einen notwendigen Gegenpol zu dieser Üppigkeit bildet. Es scheint unablässig, sich als Leser/in auf jenen intensiven Auseinandersetzungspegel zu begeben, dem sich der Autor schreibend überließ; nur dann ist man imstande, in das Werk genau hinein zu hören; stellte man die falsche Frequenz ein, bliebe man sehr wahrscheinlich am Rande und der Text hinterließe ein unbändiges Rauschen.

Petra Ganglbauer

Ilse Kilic: Die Rückkehr der heimlichen zwei

Ritter Verlag
Klagenfurt-Wien 2000

kilic-rueckkehrIlse Kilic, Autorin, Verlegerin, Musikerin, Filmerin, ist uns als harte Sprach(be)arbeiterin bekannt. Aus der Freiheit dieser Position leistet sie sich seit einiger Zeit, auf eine andere – von ihren sonstigen Elaboraten sehr differente, auch entspanntere Sprachmelodie – einzugehen.

„Die Rückkehr der heimlichen zwei“ lautet das Fortsetzungsbuch zu „Als ich einmal zwei war“. Mehr oder weniger direkt übernommen wird das erzählende ICH, Personen und Figuren wie auch der Lebenskontext aus dem ersten Band.

Was vom Titel her einen gestandenen Jugendkrimi verspricht oder aber eine weitere „Autobiografie“ erwarten läßt, entpuppt sich sehr bald als Textgebilde, welches in seiner Struktur einer Zwiebel gleicht und dessen stilistische Homogenität im Hauptteil, von einem „Widmungstext „, einem „Eingang“ und einem „Ausgang“ – formal unterschiedlich – eingerahmt wird. Als „Eingang“ fungiert ein quasi analytischer Metatext, der sich mit der psychologischen Beschaffenheit von „Druck- und Ergänzungszwillingen“ auseinandersetzt.

Dazwischen begibt sich die Autorin in liebevoller Annäherung auf die Spuren eines federleichten, hochsensiblen, mitunter sehr ängstlichen ICHs und vollzieht im Laufe des Buches den unablässigen Grenzgang zwischen Tagbewußtsein und Traumbewußtsein, zwischen dieser und jener „Wirklichkeit“.

Wir treffen auf Motive, Bilder, die uns aus anderen, älteren Quellen bekannt sind, wie etwa das Lächeln der Edamerkatze aus „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll.

Reime werden angedeutet, etwa wenn in einer von der einohrigen Begleiterin erzählten Geschichte Ilse Bilse anklingt ; ein Rätselspruch findet auch seinen Platz, diesmal mit direkter Quellenangabe.

Einen gedanklichen wie formalen Höhepunkt erfährt die Erzählung von der Wiederbegegnung der Protagonistin mit ihrer Zwillingsschwester, vom Abtausch beider Identitäten und den damit verbundenen Abenteuern, als die Autorin fast symbolisch das Zwiebelschalengebilde entblättert. Das achtmalige Erwachen vom Erwachen soll letztlich zu keiner Klarheit der Selbsterkenntnis führen.

Denn: Die Zeit hiefür fehlt und der Weg, der nur ein Ziel kennt, läuft ohne Unterlaß!

Petra Ganglbauer