Ruth Aspöck: Schnaitheim

Sommerheimat

Edition die Donau hinunter
Wien-St. Peter am Wimberg 2000

„Die Zeit ist gekommen, die Heimatlosigkeit, …“
Mit dem ersten Satz tauche ich ein und vertraue mich jener Identitätssuche an, der die Autorin ihre Protagonistin unterzieht und welche sich aus insgesamt fünf Kapiteln zusammensetzt: Wegsuche Beruf/ Heimat Salzburg/ Sommer Schnaitheim/ Winter Linz/ Erinnerung Familie.

Aspöck gestaltet dieses Buch im Spannungsfeld zwischen einem sehr realen Außenraum (Orte, etwa Linz und Ulm wie auch das oberschwäbische Schnaitheim; öffentliche und private Personen; historische Fakten) und jenem spürbaren und nachvollziehbaren Empfindungsraum, mit dem die Autorin die innerseelische Befindlichkeit der Protagonistin zeichnet.
Diese Kindheits- und Jugendgeschichte einer Frau im Nachkriegseuropa gerät zur Selbstsuche einer sehr wachen und freiheitsliebenden, mutigen und selbständigen Persönlichkeit, hinter der wir deutlich die Autorin selbst erkennen, jedoch nur, weil diese es auch zuläßt. Berührend offen ist diese Prosa.
Ich vermute, dass sich die Suche nach Heimat auf kein Ziel ausrichten soll, sondern vielmehr zu einer immerwährenden Bewegung gerät.Die Protagonistin trotzt jeder Art von – auch örtlicher – Vereinnahmung:
„Brauche ich Heimat, um eine Welt zu haben?“, lautet bezeichnend der letzte Satz.

Petra Ganglbauer

Lucas Cejpek: Keine Namen

Roman

Sonderzahl Verlag
Wien 2001

Eine Schreibmanie, die einer genauen Kontrolle unterliegt und das scheinbar lose Reden, welches ganz gezielt das „Eigentliche“ verdecken soll, sind die beiden Motoren im vorliegenden Roman Lucas Cejpeks, welcher sich als Gesprächsbuch ausweist.
Interessant also wieder der konzeptuelle Ansatz wie in früheren Werken des Autors.

Inhaltlich geht es um einen Beamten, der interne Informationen aus dem (österreichischen) (Innen-)Ministerium an Meistbietende weiterleitet. Die Mechanismen des Geheimnisverrates sind es auch, welche er, wiederum gegen Bezahlung, an eine Journalistin weitergibt.
Aus diesem Interview setzt sich der Roman zusammen. Das Gespräch jedoch wird zum Monolog, dieser zur Instanz dieses Buches. Unmißverständlich bemächtigt sich der Beamte auch jener Gesprächsteile, die der Journalistin zuzuordnen sind, also Fragen, Vermutungen, Hinweise, Gesten… etc.und verwandelt sie sich implizit oder explizit an.

Die privaten Vorlieben des Beamten erfahren zunächst nur subtilste Andeutungen, etwa, dass er Kunstsammler ist. Das „Dräuende“ jedoch klingt während des gesamten Buches an, ist unterschwellig spürbar:
Rituell wiederkehrendes Herzstück dieser anfänglich nüchternen Camouflage ist eine erotische Wortkette aus Variationen, welche eine Abbildung auf einer Vase wiedergibt, die dem namenlosen Protagonisten gehört.

Der vorerst verlangsamte, schließlich immer rascher stattfindende und lauter werdende Satzlauf beansprucht eine eigenartige Dominanz für sich, der man sich als Leserin schwer zu enziehen vermag. Kalkül und Stringenz fungieren hier als Qualitäten, das Spiel mit Schreibgeschwindigkeiten. Stil und Inhalt spiegeln einander. Irgendwann schlägt das Allgemeingesellschaftliche ins Private um:
Die Obsessionen verselbständigen sich. Die Sprache auch. Sie geht durch.

Petra Ganglbauer

Margret Kreidl: Grinshorn und Wespenmaler

34 Heimatdramen

Edition Das fröhliche Wohnzimmer
Wien 2001

Härter die Zeiten. Die Gesten. Die Sprache.
Deutlicher. Offenkundig, die Dummheit.

Margret Kreidl legt mit ihren 34 Heimat-Minidramen beinharte, verbale Fausthiebe gegen die gegenwärtigen Mechanismen in der österreichischen Innenpolitik vor.
Sie greift sich zwei heimische Politiker und läßt „Wespenmaler“ und „Grinshorn“ in aller Deftigkeit aufeinanderprallen. Daß beide einander stets beim Namen nennen müssen (!), mutet in der dargebrachten Stringenz wie eine Apotheose der Verblödung an.

Was dabei heraus kommt, ist auf den Punkt gebracht:
Faschismus, Biertischseligkeit, rechtsgerichteter Fanatismus, reduziert und potenziert, sodass ein unerträgliches Gemisch aus Geheule, Gekreische und Gejohle entsteht.
Der Inhalt also verstümmelt die Sprache selbst vollständig, sodass diese zum (nichtsprachlichen) Ebenbild dessen wird, was Kreidl an politisch Ekelhaftem auf den Tisch bringt.

Wir kennen die Autorin und ihren spielerischen Umgang mit Klischees und Knalleffekten, als da etwa in „Süße Büsche“ oder „Schnelle Schüsse“, beides in der Edition Das Fröhliche Wohnzimer erschienen, dieses Mal jedoch greift sie zu ihren bisher härtesten Methoden, um der unterträglichen Ekstase aus Absurdität und Gefährlichkeit Einhalt zu gebieten.

Petra Ganglbauer