Fritz Widhalm: pubertät mit mädchen

visionen und versionen

Edition CH
Wien 2006

Dieses Buch zieht die Lesende (den Lesenden) in seinen Bann. Es ist von einer solch atmosphärischen Dichte, wie sie synästhetische Kompositionen innehaben. Fritz Widhalm spielt aber auch bewusst mit der Trivialität, die an schlechte Heimatromane erinnert.
Wir werden hinein- und hinuntergezogen in tief Vergrabenes innerhalb der Psyche (das, was in den untersten Schubladen lagert), an Kindheit und Pubertät erinnert (diese verqueren, vertrackten Mischungen aus Unausgegorenem, Schamhaftem, Neugierigem, Banalem, Unfertigem; all das in einer Zusammenschau, die eine Eigengesetzlichkeit hat, eine Sogwirkung aus Lust und Laster.)
Der jugendliche Ich-Erzähler ist flankiert von immer denselben Personen (Großmutter; Mädchen; Herr Martin; Emma, die Lokomotivführerin…); denselben Tieren (tiefschwarze Kolkraben…); denselben Orten (Wiese.Wiese.Wiese… Das kleine Klosett am Ende der finsteren Zughaltestelle…). Dementsprechend stringent ist das Setting.
Innerhalb dieses abgesteckten Rahmens brodeln die jugendlichen Gefühle; sie schwappen nie ganz über.
Dem Autor gelingt es, jene Dosis herzustellen, wie sie symptomatisch für pubertäre Empfindungen ist: einerseits die Sehnsucht danach, endlich überzulaufen. (Wie ein überhitzter Wassertopf.) Andererseits aber auch diese Hemmung, es dann auch tatsächlich zuzulassen.
Visionen, der erste Teil des Buches, ist nahe am jugendlichen Duktus. Versionen ist schnittiger, erwachsener, kontrollierter.
Ansprechend auch die Zeichnungen des Autors, die dieses Hinüberkippen in das Heimatliche, Lauhwarme, Triviale noch unterstreichen.

Petra Ganglbauer

Gerhard Ruiss: Kanzlergedichte 2000-2005

Edition Aramo
Wien 2006

Man (Frau) könnte verzweifeln angesichts der Sprachverrohung in Politik und Gesellschaft. Man (Frau) möchte fliehen vor dem Schmierentheater. Man (Frau) könnte schreien vor Wut.
Der vorliegende jüngste Band von Gerhard Ruiss hilft einem dabei, dies alles nicht tun zu müssen. (Auch, wenn es schwer fällt.) Er lädt ein, mit zumindest einem lachendem lesendem Auge in die banale, zuweilen absurde, vertrackte oder gar dümmliche Alltagsrealität der vorwiegend innerösterreichischen Verhältnisse einzutauchen.
Das andere, weinende Auge wird auch noch lachen. Spätestens dann, wenn man (Frau) das Buch zu Ende gelesen hat: Dieser Band ist geistreich und witzig, sprachspielerisch (permutativ, onomatopoetisch…) und tröstlich.
Der Autor wählt den vielleicht einzigen Ausweg aus diesem scheinbar unausweichlichem gesellschaftlichem Dilemma. Er setzt bei der Sprache und deren Instrumentalisierung an. Hinlänglich bekannte Sager tauchen da ebenso auf wie ritualisierte verbale Machtallüren.

Gut, dass es dieses Buch gibt. (Man müsste sonst verrückt werden.)
Interessant auch die Stimmführung des Autors, wenn er daraus liest.

Ich habe ihn gehört und verstanden.

Petra Ganglbauer

Christine Huber: über maß und schnellen

Edition das Fröhliche Wohnzimmer
Wien 2006

Ein neues Buch von Christine Huber liegt vor:
Wieder eine Chance für die Leserschaft, sich noch tiefer auf das eigentliche Wesen der Sprache einzulassen, um dort, wo kein Boden ist, zu erkennen, dass es keinen anderen Weg des Begreifens gibt, als jenen, in Resonanz zu gehen.
Diese Gedichte sind nicht im herkömmlichen Sinn zu verstehen, sie sind nicht zu beantworten und auch nicht zu befragen.
Die Autorin weist uns – wie stets in ihrer Arbeit – durch ihre Schreib-Art an, uns unseres vertraut-vereinfachten Umgangs mit Worten zu entledigen, um der Sprache und deren Möglichkeiten, Anlagen, Schichten zu folgen, indem wir schließlich, so nahe an ihr dran, letztlich mit ihr, in ihr sind.
Dann sind wir Musik wie diese Gedichte (Texte), dann schwingen wir freier im Raum. Dieses Sein blinkt schon auf, wenn wir uns auch nur zögerlich darauf einlassen; es stellt sich dar, als das, was es ist, wenn wir es ganz zulassen.
Die Autorin ergänzt die Gedichte durch Lithografien, die ihrerseits jenes Zusammenwirken von äußerster Disziplin und spielerischer Beweglichkeit, wie sie dieser literarischen Verfahrensweise zu eigen sind, hervorkehren.

Gut, dass es solche Bücher gibt!

Petra Ganglbauer