Mike Markart: Calcata

Roman

Braumüller Literaturverlag
Wien 2009

Markart_CalcataMike Markarts Stärke liegt im genauen Verschränken von poetischem, oft auch hyperrealem und politischem Gestus.
Manchmal muten seine Sätze wie gezeichnet, wie gemalt an:
Zart, fragil und dennoch sinnlich. Manchmal auch länger und verstiegen.

Der Ich-Erzähler flüchtet aus Rom, da sich dort große Unruhe ausbreitet. Zufällig landet er in Calcata, einem mittelalterlichen Dorf. Dort trifft er auf andere Flüchtlinge. Es gelingt ihnen mehr oder weniger, das Scheitern hinter sich zu lassen und einen neuen Blick für die Welt, die Dinge, das Zusammenleben zu gewinnen.
Ein Buch, das sich auf der Höhe der Zeit findet, weil es von verschiedenen Kulturen erzählt, von deren Aufeinandertreffen, von möglichen Auswegen aus gesellschaftlichen Krisen.

Ein Merkmal das allen Büchern Markarts gemeinsam ist, ist jene eigenwillig magische Anziehung, ein Sog, den sie auf die Leserin, den Leser ausüben.

Wieder ein schönes, gelungenes Buch!

Petra Ganglbauer

Erika Kronabitter: Viktor

Roman

Limbus Verlag
Innsbruck-Hohenems 2009

Erika Kronabitter arbeitet auf mehreren Schienen, als Künstlerin, als Autorin. Als Organisatorin, als Lektorin, um nur einige zu nennen.
Diese einander ergänzenden Disziplinen finden auch ihren Niederschlag in ihrem literarischen Werk:
Wie sie die Gattungen durchquert, „öffnet“ sie auch ihre Bücher. So erschien kürzlich Teil 2 einer Romantrilogie.
Diesmal steht Viktor im Mittelpunkt der literarischen Auseinandersetzung, Viktor, der Mann Monas aus Mona Liza. (Siehe Erika Kronabitter: Mona Liza)

Viktor entgleitet sein Leben, seine Ehe. Er mutet wie ein Durchschnittmensch an, mit – ich möchte fast sagen – typologischen Verhaltensweisen und Befindlichkeiten; deshalb ist er in dem Buch weder Opfer noch Täter. Viktor ist also äußerst authentisch gezeichnet.
Das ist auch das Besondere an dem Buch: Die Autorin räumt uns die Möglichkeit ein, zwischen den Zeilen zu lesen, jene Gefühlsnuancierungen wahrzunehmen, die nicht definitiv ausgesprochen werden. Ein genaues Unterfangen ist das und spannend.

Die Eingangszitate, quasi Tore zu den einzelnen Kapiteln, erinnern methodisch an Teil 1 der Trilogie – sie bereiten wieder den Boden für ein über den spezifischen Inhalt des Buchs hinausgehendes weiter gefasstes gesellschaftspolitisches Verständnis.

Petra Ganglbauer

Waltraud Seidlhofer: Tage, Passagen

Klever Verlag
Wien 2009

Die Texte Waltraud Seidlhofers sind Teilstücke eines lange schon zuvor begonnen Sprachexkurses.
Es sind diese Wanderungen im urbanen wie im ruralen, in der Sprache wie in der Welt, die Seidlhofer unausgesetzt unternimmt, und es mutet an, als wären wir ab und an eingeladen, ihr, der Autorin, zu folgen, wiewohl sie, die Autorin, sich – quasi für sich – auf dieser Endloswanderung befindet, die regelmäßig in Büchern ihren Niederschlag findet. Eine Konsekution ist das Unterfangen des Lesens, wir folgen einer ganz spezifischen Schreibbewegung oder Wahrnehmungsweise, es ist, als legte Waltraud Seidlhofer ein Raster über das Weltgelände, wodurch all jenes, das unter dem Raster liegt, gelöscht wird und alles, was sichtbar ist, auch lesbar wird.
Aus großer Genauigkeit ist dieser Textkörper geschrieben, eine Textur, die, wie viele ihrer Vortexte geometrisch und akribisch anmutet. Eine der Hauptqualitäten ist die Nachdrücklichkeit, mit der die Autorin, den Landschaften, Formen, Linien visuell und also verbal nachspürt.
Dergestalt spiegeln sich Mikro- und Makrokosmos, Körper und Landschaft in den vorliegenden Texten.

Waltraud Seidlhofer
Podium Porträt 48

Podium Verlag
Wien 2009

Spannend ist auch das Podium Porträt, welches, ausgestattet mit einem trefflichen Vorwort von Christian Steinbacher, die literarische Entwicklung der Autorin aufzeigt.

Beides [wie: Tage, Passagen] ist sehr empfehlenswert!

Petra Ganglbauer

Gregor M. Lepka: Aus dem Fenster der Blick

Resistenz Verlag
Linz-Wien 2009

Zarte Notationen sind das, aus einer Achtsamkeit heraus geschrieben, die den Dingen ihren Raum, ihre Zeit lässt.
Texte, die in sich ruhen und dennoch das Wort ergreifen. Verlangsamungsgedichte in einer Epoche der Beschleunigung und Akkumulation, Texte, die lichten, klären, die behilflich sind, dem Weltverständnis näher zu kommen.

Unprätentiös setzen sich die Gedichte Gregor M. Lepkas, Wort für Wort, wie Markierungen in Raum und Zeit. Schön, die Interdependenz von Innerseelischem und Außerseelischem, zutiefst lyrischen Themen.
Einige der Gedichte sind ruhig in ihrer kontemplativen Qualität, andere wieder um eine Spur expressiver.

Auch sind Zitate in diesem Band vorhanden, von Waltraud Seidlhofer, Michael Hamburger und anderen, sie erweitern den Kommunikationsprozess um diese intertextuelle Note.
Ein schöner Band mit ebenso unaufdringlich wie einprägsamer Gedankenlyrik.

Petra Ganglbauer

Helmut Schranz: BIRNALL

Es ist unter der Haut

Ritter Verlag
Klagenfurt-Wien-Graz 2009

Helmut Schranz veröffentlicht in großen Abständen Bücher, dies ganz bewusst, wie ich wähne, eine wirksame Strategie gegen die Vermarktungs- und Beschleunigungsmechanismen. Ist der kontinuierliche und dennoch verlangsamende Arbeitsduktus nicht die einzig machbare Form von Subversion heutzutage?

Der Band ist voll von Transgressionen, also Durchwanderungen, Quergängen; Sammlungen, Versammlungen finden sich da, wiewohl es auch konstantere Elemente gibt wie etwa Inventare, Charakterprofile, Glossare, quasi Definitionen, Redewendungen usw.

Insgesamt mutet das Werk wie eine Wiedergabe terrestrischer Verschiebungen an – Aufwürfe, Erdbeben, Überschwemmungen formaler Art sind das, die das Buch zu einer schönen und regelrechten Herausforderung machen.

Auch jene Grenze zwischen Trash und Ernsthaftigkeit wird Grat-gewandert: „Es ist unter der Haut“, so lautet etwa der Untertitel, und er erinnert beispielsweise an das Horrorgenre.

Petra Ganglbauer