Marie Thérèse Kerschbaumer (Hg.): Arkadien / Apologie

Sonderzahl
Wien 2003

Dankenswerterweise ist dieses Buch entstanden, eine wunderbare Zusammenschau aus Beiträgen, die anlässlich des 10. Autor/inn/enlabors in der Alten Schmiede in Wien vorgetragen wurden. Ausrichtung. Blickpunkt, Fokus, Festschreibung: Arkadien, jener konsequent bemessene Begriff. Zum einen Sprache und Landschaft, Imaginationsraum, zum anderen gemahnend an jene Qualität, jenes unwidersprochene Maß, das vorgibt, was Dichtkunst zu sein hat.

Dafür sei Marie Thérèse Kerschbaumer an dieser Stelle gedankt, dass sie, die Dichterin, uns stets daran erinnert und nicht ablässt von dieser Vision ästhetischer Sprachfärbung und Stimmführung. Und auch der physische Ort der ästhetischen Auseinandersetzung ist Teil dieser umfassenden Blickrichtung: Die Alte Schmiede. Und nicht zufällig ausgewählt!

Wundersame Lektüre!

Petra Ganglbauer

Peter Reutterer: Movies

Kinogedichte

Edition Aramo
Krems 2002

Der Autor saß mit Schreibblock in diversen Kinosälen und hat sehr beweglich, mithin zart, dann wieder stringent seine Eindrücke auf Papier gebracht.

Die vorliegenden Gedichte zu Filmen zeichnen den Geschwindigkeitspegel nach, der Filmen eigen ist.

Die Gedichte sind klar und leicht, die Lesart somit wohltuend unterstützt. Die Sehnsucht, wieder einmal ins Kino zu gehen, wird geweckt.

Petra Ganglbauer

Elfriede Kern: Tabula rasa

Jung und Jung
Salzburg 2003

In ihrer unnachahmlichen Sprache führt uns die Autorin wieder höchst eigenwillige und fragile Charaktere nahe, deren Geschlecht vorerst oftmals nicht einzuordnen ist. Menschen zwischen Angst und Verlorenheit, Selbstvergessenheit und blinder Autoaggression. Interessant der sprachliche Duktus, wenn Kern beispielsweise, wie etwa in der Erzählung „Aufbrechen“, den Text im Perfekt schreibt, was eine zusätzlich eigenbrötlerische, naive und hilflose Komponente mit sich bringt.

Konsequent und intensiv: lesenwert.

Petra Ganglbauer

Bodo Hell: Tracht : Pflicht

Lese- und Sprechtexte mit zwei Bildreihen von Hil de Gard

Literaturverlag Droschl
Graz-Wien 2003

Eine anregende Zusammenschau aus urbanem und ruralem Material, Natur und Zeitgeist (oder was man darunter versteht) findet sich in diesem endlosen Textfluß, der formal immer wieder aufgebrochen wird.

Die Liebe zum Detail, zum Kleinen und Winzigsten ist hervorstechend, der Autor ist ein akribischer Wortsammler, seine Versatzstücke sind poetische, mythologische oder geologische Juwelen. Dieses Buch ist ein lebendes Museum; bezeichnend der Verschnitt aus Schlagwörtern und Slogans, das Gebrabbel aus Medien und Werbung, welches jedoch in der opaken Sprachlandschaft durchaus zerstiebt. Ansprechend auch die Gliederung des Bandes je nach Objekt der Auseinandersetzung, wie etwa Natur/Wahrnehmung oder Stichwort Stadt.

Der Leseakt wird zum Springen und Hüpfen mit Augen und Kopf.

Petra Ganglbauer

Günter Brus: Nach uns die Malflut

Ritter Verlag
Wien 2003

13254Poetische Sprengsel, Legenden, Versatzstücke aus Theorie und Praxis, Definitionen, Gattunsgspezifika – all das versammelt der Künstler Brus im vorliegenden Band.

Er äußert sich zu beinahe allem: Kunst, Religion, Dichtung, Gefühlspegel u.s.w.

Wer mehr über die ironischen, dann wieder subtilen Zugänge des Autors – auch zu seiner Kollegenschaft etwa – wissen möchte, ist gut beraten, sich diesen Band zuzulegen, der in schöner Korrespondenz von bildnerischen Arbeiten ergänzt wird.

Petra Ganglbauer

Ilse Kilic: Monikas Chaosprotokoll

Im Dampfkochtopf von Oskars Moral

Ritter Verlag
Klagenfurt-Wien 2003

Noch komplexer, formal differenzierter, mit formalen Umbrüchen versehen ist dieser neue Band der Wiener Autorin. Zwischen Regelwerk und Ludothek angesiedelt, verdichtet, an den Rändern verstärkt und festgezurrt, im Textkörper selbst enger gestrickt, – dieses Buch fordert noch mehr Aufmerksamkeit als seine Vorgänger, holt Kilic doch poetologische Kriterien, Bildmittel, Gedankenmittel herein. Ebenso oszilliert das Projekt zwischen den Gattungen, ist durchwirkt von Transgressionen: eine wahrhafte Anstrengung, Steigerung, nicht mehr ganz so verspielt und fragil wie die anderen bisher im Ritter Verlag erschienenen Bücher der Autorin, eben festgeschriebener!

Eine wunderbare Leseherausforderung!

Petra Ganglbauer

Harald Miesbacher: Werner Schwab

Dossier extra

Droschl Verlag
Graz-Wien 2003

Wer sich mit den formalen Eigenheiten, den skurrilen Besonderheiten, den sprachlichen Konvulsionen Werner Schwabs auseinandersetzen möchte – und dies möglichst genau –, ist mit diesem Buch gut beraten; tut sich doch der ganze wohl recherchierte Fundus Schwabscher Kunstsprache auf, die Mechanik, die Kombinatorik, der Einfall. Schwabs Sprache mutet wie Maschinenlärm an, dann wieder wie Lehrlauf oder philosophischer Exkurs.

Es tut gut, wenigstens nach dem Tod des Autors, die Beschäftigung mit dessen intensivem, wahrhaft brachialem Werk gesichert zu wissen.

Petra Ganglbauer

Helmuth Schönauer: Die Vollbeschäftigung der Sinne

Gefräste Gedichte

Grasl Verlag
Baden bei Wien 2003

Er ist ein Spracharbeiter, der Autor, er siedelt seine Gedichte in unterschiedlichen Räumen an: Gesellschaftsräumen, als da auch medialen Räumen, Kopfräumen.

Das Grauen hält Einzug, und wenn nicht real, so doch immer wieder als Vorstellung: Bilderfeldzüge sind das, scharf geschliffen, mithin poetisch, insistierend, radikale Feststellungen.

Das sind formale Raster aus Faktischem, Festmachungen, – die Sinne, wie der Titel sagt, werden bis zur letzten Konsequenz befasst – kein Entrinnen möglich.

Einer der spannendsten Gedichtbände der jüngsten Zeit.

Petra Ganglbauer