Alfred Gelbmann: Trümmerbruch oder Die Entdeckung des glücklichen Raumes

Kyrene Verlag
Innsbruck-Wien 2012

Anläßlich der jüngsten „Tage der deutschsprachigen Literatur“ in Klagenfurt argumentierte eine der Jurorinnen hinsichtlich des komplexen und dicht gewirkten Textes einer Autorin, indem sie von „Zeitmanagement“ sprach. Aus meiner Sicht ist dieses Wort unzulänglich und absolut unpassend für den Umgang mit Literatur, mehr noch, es ist dem Leistungsgesellschaft-Kontext entnommen und somit Kind eines Geistes, der in keinster Weise künstlerische Wahrnehmung zulässt.

Das vorliegende Buch Alfred Gelbmanns ist so etwas wie die poetische Antwort, das poetische Gegenstück zu obigem Wort. Wie der Titel „Trümmerbruch“ sagt, liegt das Leben des Protagonisten Moser, einem Anstaltshäftling, hinsichtlich der historischen und privaten Vorkommnisse wie seiner innerseelischen Befindlichkeit versprengt da. In der Zelle jedoch entdeckt der Protagonist seinen glücklichen Raum.
Moser, der von der Anstaltsleitung den Auftrag erhält, Niederschriften zu fertigen, will über die Anfänge dieser Niederschriften ganz bewußt nicht hinauskommen, weil, wie er meint, andere diese weiter- und fertigschreiben sollten, etwas, das schließlich der Autor des Buchs, dem die fragmentarischen Seiten der Niederschriften 6 und 6a, nach dem Verschwinden Mosers aus der Zelle, ausgehändigt werden, seinerseits tut.

Alfred Gelbmann setzt den Roman wiederholt, in immer neuen Anläufen und aus unterschiedlichsten Bewußtseinswinkeln, Erzähl-Perspektiven wie auch basierend auf verschiedensten Quellen (vom Intertextuellen bis hin zur Zeitungsmeldung) an.
Diese Schwenks geschehen plötzlich und erwirken dadurch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Erzählten, an dessen „Nahstellen“ man sich sozusagen als Leserin / Leser befindet. Allem voran von Verstörung erzählt dieser Roman, von Vereinsamung und Flucht, von seligen Erinnerungen an Kindheit, von unlebbarer Liebe, von Treue und Isolation, von einer Art totalitärer Ordnung und Entpersonalisierung.
Immer wieder hält der nicht lineare Erzählfluß bei einem bestimmten Objekt (Kupfer, Glashütte…etc.) inne und zoomt es nahe heran, wechselt seinen Duktus, wird bisweilen zum Sachtext. Diese Textstellen verlangsamen uns beim Lesen, sie sind besonders nachdrücklich.

Die vielen Stimmen in diesem Buch sprechen aus unterschiedlichen Zeiten heraus, sie entspringen verschiedensten Orten. Dergestalt wird das Raumzeitgefüge stetig unterwandert!

Das Buch fordert Lesedisziplin, etwas, das es uns, den Lesenden, abzuringen gilt. Es ist spannend auf eine eigene Weise; eine Spannung, die wohl der großen Konsequenz hinsichtlich des Schreibakts entspringt. Und die Lektüre hinterläßt ihr Echo!

Absolute Empfehlung!

Petra Ganglbauer

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