Marc Adrian: Die Wunschpumpe

Eine Wiener Montage

Gangan Verlag, Sydney und Wien 1991
304 Seiten, 40 Illustrationen, gebunden

die_wunschpumpemarc adrians pumpe fördert allerhand zutage, läßt keine wünsche offen, dabei plumpst vieles, das sich bis dato mächtig ins zeug legen konnte, wie nichts weg. als würde der GSCHWINDE eine liaison mit dem johannesevangelium in der löwengasse vom zaun brechen wollen, auf daß es dem GERONIMO die augen in ein wiener schnitzel katapultiert: hier steht sie vor uns – die zusammenfügung scheinbar disperatester teile, und doch könnte man sich keine anderen vorstellen, um selbst nestroys geist zu beschwören: „i sags nur, weul i grad davon red“, oder so ähnlich. scharf geschnittene kader klatschen da auf noch schärfere. dem voyeur sind alle möglichkeiten geboten. – schließlich öffnet nicht alle tage das „kunstwerk, die dichtung“ als „ein ort der macht des negativen denkens“ die vulva wie das erstbeste scheunentor eines klapprigen denkens. gegen diese wunschpumpe verkommt selbst die „seelandschaft mit pocahontas“ zu einem zarten lercherlschas innerhalb der deutschsprachigen literatur dieses auslaufenden zwanzigsten jahrhunderts. was schmidt forderte („der grundirrtum liegt immer darin, daß die zeit nur als zahlengerade gesehen wird, auf der nichts als ein nacheinander statthaben kann. ‚in wahrheit‘ wäre sie durch eine fläche zu veranschaulichen, auf der alles ‚gleichzeitig‘ vorhanden ist“), löst adrian ein, wobei noch hinzukommt, daß es bei ihm nichts flaches gibt. dagegen würden sich auch seine protagonisten (z.b. der LEWENDICHE, die HAMBURGERIN und der TEXASHIAS) verdammt stemmen.

Gerhard Jaschke

Helwig Brunner: Journal der Bilder und Einbildungen

Essay 68

Literaturverlag Droschl
Graz-Wien 2017

Brunner-Journal-DroschlEine phänomenologische Zusammenschau bietet dieser Essayband, – konzise (Über /) Wirklichkeitssetzungen, die die Interdependenz von Blick und Objekt, von Ich und Welt verdeutlichen.

Ein achtsam und gründlich gebautes Werk, das in „Cuts“ oder Bildschnitte, Abschnitte also gegliedert ist, die sich allesamt im Kontext Kunst / Sprache / Existenz / Wahrnehmung finden und stetig rückgebunden bzw. verstärkt werden durch intertextuelle Bezüge. (Ein reicher Zitatenschatz aus Philosophie, Literatur oder Wissenschaft).
Dieses Journal offenbart zudem Welt in all ihren Facetten, – sie spiegeln einander, der Körper, die Sinne, die Religion, das Metaphysische, die Literatur und die Natur.
Alltagssequenzen wechseln mit Videoeinstellungen, imaginäre Bilder mit Ausstellungen, Kindheitserinnerungen sind in dem Buch ebenso enthalten wie der manifestierende Satz „Wir sind Weltkulturerben.“ Manches wirkt wie hingesprenkelt, leuchtend, chromatisch, anderes wiederum taucht tief ab.

Spannend ist dieses Werk darüber hinaus, weil es nebst immerwährender menschlicher Fragestellungen auch das aktuell Politische berücksichtigt. So gesehen wird die Qualität der in diesem Band angesprochenen zeitlosen (ewigen) Themen auf die Höhe der Zeit gehoben! Die von Helwig Brunner ausgewählten Zitate fügen sich in schöner Korrespondenz seinen eigenen tiefgehenden Überlegungen und konzisen Beobachtungen.

Ein Buch das man, einmal zu lesen beginnend, nicht mehr so leicht aus der Hand legt!

Petra Ganglbauer

Mike Markart: Ich halte mir diesen Brief wie einen Hund

Roman

Edition Keiper
Graz 2014

mike_markart_brief_coverAuf gewohnt eigenwillige, an den schmalen Rändern der Wirklichkeitswahrnehmung befindliche Weise hat Mike Markart auch den dritten Teil seiner »seltsamen, autobiografischen Trilogie« verfasst. Vorangegangen sind »Calcata« (2009) und »Der dunkle Bellaviri« (2013).

Markart gelingt es stets, jene Individuen präzise, authentisch und lakonisch zu zeichnen, die sich von den Vorgaben dieser unserer Gesellschaft (Schnelligkeit, Wettbewerbsverhalten etc.) freiwillig oder notgedrungen absondern und dennoch eine überraschende Selbsteinschätzung aufweisen.

Ruhig, mit Sinn für das Essentielle und nur vordergründig mitteilsam, gebärdet sich der Ich-Erzähler auch in diesem Roman, wiewohl dieser verschiedenste Blickwinkel und Perspektiven auf das Geschehen aufweist.

Randständigkeiten, Bewußtseinsverrückungen sind essentielle Elemente der Handlungen und (gedanklichen) Ereignisse, dennoch arbeiten sich konkrete Inhalte wie etwa die Beziehung des Ich-Erzählers zu Marina heraus; er schreibt einen Brief an sie, den er jedoch nie abschickt. „Marina./ Ich habe nur dein halbes Leben./ Die andere Hälfte ist Dunkelheit./ In jener Hälfte ist all das vermerkt, was du vor mir ver/bergen möchtest.“

Zart sind die Empfindungen gezeichnet, zart und poetisch, auch wenn sie sich an den Rändern tiefster, kohlrabenschwarzer Abgründe auftun.

Ein schönes Buch.

Petra Ganglbauer

Valerie Fritsch: Winters Garten

Roman

Suhrkamp Verlag
Berlin 2015

Einen weit gespannten, dich gewebten, poetisch aufgeladenen Erzählbogen, der sich den globalen und existenziellen Abgründen jeglicher Existenz verschreibt, hat Valerie Fritsch in ihrem aktuellen Buch gespannt.

Die Autorin führt die wesentlichen Parameter „Oben“ und „Unten“, Mikro- und Makrobereich sowie das Detailreiche und die (philosophische) Metaebene souverän zusammen und legt ihr synästhetisches Augenmerk auf Leben und Bedrohung, auf das Florierende ebenso wie das Apokalyptische.

Fritsch befasst sich, wie im übrigen nicht allzu viele zeitgenössische österreichische Autor/inn/en, mit dem Phänomen des Weltuntergangs – und die Stadt, in der der Vogelzüchter und Protagonist Anton Winter die unerwarteten Ereignisse und das uneinschätzbare, aus einer scheinbaren Eigendynamik heraus entstehende Geschehen beobachtet, befindet sich in einer final extremen Lage, der Natur und ihren Gewalten ausgeliefert. Mit ihr verändern sich die Menschen, sie unternehmen letzte verzweifelte Versuche, das Grauen abzuwenden.

Fritsch zeichnet das Dräuen vor dem Weltuntergang – alles ändert sich sichtlich oder auch im feinen, atmosphärischen Bereich. Immer jedoch vertraut die Autorin einer üppigen Sprache, die ab und an rhythmisierter, dann wieder beinahe stoisch daherkommt und gerade da einen gelungenen Kontrast zu den Außen- und innenseelischen Turbulenzen der Betroffenen herstellt.

Die Versuche, die Zerstörung durch zutiefst menschliche Regungen und Eigenschaften aufzuhalten, müssen scheitern.
Ein wichtiges Buch, das nicht nur von äußeren Katastrophen erzählt, sondern ebenso eine Kartografie innerseelischer Prozesse und Entwicklungen ist.

Petra Ganglbauer

Erika Kronabitter: Endlich Alles Richtig

Edition Taschenspiel
Verlag beim Augarten, Wien 2015

Lakonisch, bisweilen bewusst frech, in jedem Fall voll Selbstironie gibt sich das neue Buch von Erika Kronabitter, welches die Autorin in thematisch wiederkehrende Module gegliedert hat.

Die (Selbst)erkenntnisse umkreisen das Älterwerden mit seinen Begleiterscheinungen, das Leben und Wohnen, das Reisen, die Architektur, das Beobachten, das Schreiben und das Nichtschreiben; mittels insistierender Schleifen werden diese Themen „aufgezogen“ und mit ihnen auch die Figuren in diesem Buch, etwa die Wohnungsnachbarn der Protagonistin, welche die Autorin lediglich mit ihrem Anfangsbuchstaben namentlich erwähnt, ein Kunstgriff, der sie fernhält, der sie – trotz ihrer individuellen Eigenheiten – schemenhaft erscheinen lässt.
Da gibt es die unfreundliche und arrogante Nachbarin oder den überfreundlichen Nachbarn.
Sie alle werden jedenfalls genauestens beobachtet und auf einen leichtfüßige Art analysiert.

Mitteilsam, lebendig, humorvoll und bunt kommen die Themen in diesem Buch daher, wenngleich es durch seine Ordnung einen straffen Rahmen hat; bisweilen verdichten sich Passagen, indem die Autorin listenartige und serielle Raffungen inmitten des Erzählens vornimmt.

Ein kurzweiliges, konsequent geschriebenes Buch, das auch seinen Unterhaltungswert hat!

Petra Ganglbauer

Friedrich Hahn: Der Setzkasten. Oder: Erwin und die halben Luftballons.

edition keiper
Graz 2015

Merkwürdig und eigenwillig entrückt zeigt sich der Protagonist „Einer“ in diesem skizzenhaften, aufgebrochenen Roman, dessen Form der Innenwelt des Mannes kongenial entspricht.
„Einer“ will, dass nichts zu Ende geht, er lebt abgesetzt von seiner Vergangenheit, die gewissermaßen gelöscht ist und nur punktuell im Kopfkino „Einers“ aufblitzt, etwa als der vermeint, seiner noch blutjungen Mutter zu begegnen. Er setzt sich mit philosophischen Fragen auseinander, hat „Merkprobleme“, unzählige Projekte, verschickt leere Kuverts, „wenn er Mitteilungen zu machen hat“ oder schaut Filmfiguren ihre Verhaltensweisen ab.
Seine mehr oder weniger einzige Bezugsperson ist Gisela, deren kryptisches Vorleben er beinahe bis zum Ende des Romans nicht kennt.

Friedrich Hahn ist es gelungen, mit dieser Figur ein mehrschichtiges Psychogramm anzulegen, welches hinter der Figur des „Einer“ noch Facetten eröffnet, die weit ins Gesellschaftspolitische und Soziale hineinreichen. Er hält die Eigenart des Protagonisten, welche sich auch in seiner Sprachreflexion äußert, profiliert durch – dieser erfährt auch gewisse Wandlungen. Gegen Ende des Romans ergibt sich schließlich eine unerwartete Dynamik, die „Einer“ jedoch wieder ganz „zurückwirft“ auf das Potentielle, Unfertige, Fragliche.
Hahn unternimmt am Ende des Buches noch einen Kunstgriff: Die Druckerschwärze verblasst, der Raum zwischen den Zeilen wird größer. Eine schöne Zusammenschau aus Inhalt und Form!

Ein komplexes, empfehlenswertes Buch!

Petra Ganglbauer

Sissi Tax: vollkommenes unvollkommenes

Prosa

Literaturverlag Droschl
Graz 2014

Richtungsweisende (Meta-)Sätze, entschiedene Anläufe der Sprache gegen das Vergehen, ein atemloses und doch konzentriertes immer neues „Den-roten-Faden-Aufgreifen“, assoziativ, voll von Implikationen, sprachspielerischen Kunstgriffen mithin, so gestaltet sich der neue Band von Sissi Tax, der sich in den methodischen Kontext der voran gegangenen Publikationen fügt.

Tax setzte Markierungen, Haltepunkte, Stationen – Anreize für die reflexive Spracharbeit, für die lebendige Auseinandersetzung mit dem Generieren von Texten, dem Herstellen von Texten aus Texten.
Ebenso streng wie fließend, rhythmisch wie präzise sind diese Spracharbeiten! Und doch und dennoch ist dieser Gestus unterhaltsam und humorvoll.

Empfehlenswert!

Petra Ganglbauer

Elfriede Czurda: Buch vom Fließen und Stehen

ÜBERSCHREIBUNGEN

Edition Korrespondenzen
Wien 2015

Auf der einen Seite artikuliert sich eine Suada, voll von lebensnahen, scheinbar praktischen Ansagen und erfahrungsreichen Redewendungen – Anläufe (auch menschliche Irrläufe vielleicht), Aussagen voll begrenzter Wertigkeiten.

Auf der anderen Seite – und weitaus ausgesparter im Duktus – setzen sich allgültige, „ewige“ Aussagen, voll absoluter, weit über das Menschliche hinaus reichender Wertigkeiten durch, die, obgleich zentriert und leiser tönend, den kleinen menschlichen Kosmos aus einer zentrierten Position heraus sprengen.

Elfriede Czurda schreibt – ohne einem simplen Übersetzungsversuch zu unternehmen – den Bildwirklichkeiten und Konzeptionen des Daodejing von Laozi folgend, dieses legendäre Werk neu.

Eine schöne Herausforderung auch für die Leserinnen und Leser.

Petra Ganglbauer

Sabine Gruber: Zu Ende gebaut ist nie

Gedichte

Haymon Verlag
Innsbruck-Wien 2014

Der Gestus der vorliegenden Gedichte ist ein äußerst klarer, entschiedener, die Stimmführung eine, die ohne große „Emphasen“ auskommt – die Wirkung groß! Ein deutlicher Nachhall, um nicht zusagen, eine Nachhaltigkeit geht von diesen Texten aus, die um existenzielle Fragen von Werden und Vergehen kreisen – sich also vorzugsweise dem gewissermaßen traditionell lyrischen Motiv der Vergänglichkeit widmen.

„Mir zittert das Gesicht im Frost“, heißt es etwa.

Aber auch die wesentlichen Zeitereignisse werden in diesem schmalen, handgebundenen und beeindruckenden Band in die lyrische Auseinandersetzung einbezogen. „Die Totenkronen/Schwimmen wie Treibholz ins Offene“.

Topografische Notationen sind ebenso enthalten, die eines der Grundprinzipien von Lyrik, nämlich die Spannung zwischen dem Innen und dem Außen verkörpern: „Inwendig Venedig, auswendig“.

Ein empfehlenswertes Buch, das die Marktkonformität großer Wälzer unterwandert!

Petra Ganglbauer

Helwig Brunner: Denkmal für Schnee

Gedichte

Neue Lyrik aus Österreich, Band 10
Berger Verlag, Horn 2015

Brunner_DenkmalBereits der Titel verrät den großen bildlichen Aktionskreis der Gedichte im vorliegenden Band – und unwillkürlich assoziiert man „Schneepart“ von Paul Celan.

Eigenartig unfassbar und fragil muten viele der formal streng komponierten Texte an, ausgespannt zwischen Raum, Zeit und dem Unwägbaren, obgleich sie den Bezug zur Realität nie außer Acht lassen:
„…Wenn es dann schneit, / wird alles noch einmal dir gleich wollen“. Einige der Gedichte unterscheiden sich von den meisten anderen durch die Insistenz ihres Rhythmus: „Feuer gibt es“ oder „Wie es klingt, wenn du gehst,“ – Gedichte, deren Sogwirkung man sich nur schwer entziehen kann.

Humorvoll und doch sehr konkret zeigen sich andere Beispiele, wie „Kleiner Bericht des Poeta doctus“ etwa.
Brunner manifestiert zudem die Rückbindung an Philosophie, Literatur/geschichte oder Topografie. Ein weit ausholender Geist ist hier am Werk!

Souverän und avanciert also zeigt sich auch die jüngste Veröffentlichung des erfahrenen Lyrikers.

Petra Ganglbauer