Helwig Brunner: Denkmal für Schnee

Gedichte

Neue Lyrik aus Österreich, Band 10
Berger Verlag, Horn 2015

Brunner_DenkmalBereits der Titel verrät den großen bildlichen Aktionskreis der Gedichte im vorliegenden Band – und unwillkürlich assoziiert man „Schneepart“ von Paul Celan.

Eigenartig unfassbar und fragil muten viele der formal streng komponierten Texte an, ausgespannt zwischen Raum, Zeit und dem Unwägbaren, obgleich sie den Bezug zur Realität nie außer Acht lassen:
„…Wenn es dann schneit, / wird alles noch einmal dir gleich wollen“. Einige der Gedichte unterscheiden sich von den meisten anderen durch die Insistenz ihres Rhythmus: „Feuer gibt es“ oder „Wie es klingt, wenn du gehst,“ – Gedichte, deren Sogwirkung man sich nur schwer entziehen kann.

Humorvoll und doch sehr konkret zeigen sich andere Beispiele, wie „Kleiner Bericht des Poeta doctus“ etwa.
Brunner manifestiert zudem die Rückbindung an Philosophie, Literatur/geschichte oder Topografie. Ein weit ausholender Geist ist hier am Werk!

Souverän und avanciert also zeigt sich auch die jüngste Veröffentlichung des erfahrenen Lyrikers.

Petra Ganglbauer

Helwig Brunner: Die Sicht der Dinge

Rätselgedichte

keiper lyrik, Band 2
Edition Keiper, Graz 2012

die-sicht-der-dingeRätselgedichte haben eine lange Tradition, die bis in die Antike zurückreicht, sie tauchten etwa immer wieder in Märchen als Fragen auf, von deren Beantwortung das Schicksal der befragten ProtagonistInnen abhängt, sie waren aber auch als eigenständiges lyrisches Genre weit verbreitet. Meist bestehen sie aus Umschreibungen, die auf Fokussierungen auf wenig beachtete Aspekte des mit dem Lösungswort Gemeinten unter gleichzeitiger Ausblendung von anderen, vertrauteren, beruhen. Und zu beachten sind bei dieser Form stets auch auch die sprachkreativen und sprachreflexiven Elemente. Helwig Brunner transponiert das Rätselgedicht auf höchst gelungene Weise in die zeitgenössische Lyrik, indem er äußerst dichte, sprachlich spannungsvolle Wort-Gefäße kreiert. Denn was ist Lyrik anderes als Fragen zu stellen, zu verdichten, zu fokussieren und auf hoch konzentrierte Weise auf Unbeachtetes hinzuweisen?

Gefragt wird nach „Dingen” oder vielmehr: Die „Dinge” werden gefragt – welche, das wird hier nicht verraten und es lohnt sich auch, beim Lesen die gleichsam als umgekehrte Überschriften unter den Gedichten angegebenen Auflösungen zunächst verdeckt zu halten. Nur so viel: Es handelt sich um Vertrautes oder scheinbar Vertrautes, das die Menschen ständig umgibt, im Alltag, im Leben. Und die Fragen verschleiern nicht, im Gegenteil, sie erhellen und legen Schichten frei: „Ich bin, was du meinst / wenn du sagst, was du denkst, / bin der Punkt am Ende deiner / asymptotischen Rede, die lange / und länger ins Leere läuft, / ohne ihn ganz zu erreichen.” (104)

Und das Beispiel zeigt: Das Ich steckt hier in den Dingen, wie beispielsweise in manchen Rätselgedichten von Franz Brentano, und dieser geschickte Perspektivenwechsel, ja die Perspektivenumstülpung wird avanciert poetisch genutzt. Dadurch erhält der Titel „Die Sicht der Dinge” auch zwei Blickrichtungen: die des Subjekts und die der Dinge. Poesie und Philosophie gehen hier eine überaus fruchtbare Einheit ein. Seismografisch wird die Sprache ausgelotet, die konsequenten Personifizierungen, die Hinweise auf Formkongruenzen und die Verschränkungen von vermeintlichen Gegensätzen schaffen poetische Welten von eindrucksvoller Vielschichtigkeit. Helwig Brunners Rätselgedichte bauen tragkräftige Brücken zwischen Denken und Ding, die überaus viel von den Erscheinungen des kantischen Dinges an sich festhalten und transportieren und dadurch eine Fülle an überraschenden Eindrücken und Einsichten liefern.

Günter Vallaster

Chacha Bevoli: Feuerland

Lyrische Texte

Elisabeth Chovanec
Wien 2010

24 September 2010 In der im Buch vorhandenen Werkbiografie heißt es, Chacha Bevoli erarbeite sich Literatur. Das ist bemerkenswert und zeigt auf, dass die 1939 in Wien geborene Autorin bestrebt ist, fortlaufend schreibend zu erfahren und zu lernen.

Die in diesem Band versammelten Gedichte machen eine Sehnsucht nach Einheit und Aufgehen im Ganzen des Universums transparent.
Die Kommunikation zwischen Ich und Welt ist eine besondere dort, wo auch die Bilder nicht zu nachdrücklich aufscheinen, wo nicht alles gesagt und ausgesprochen wird. „Allein – in Schwärmen/“ oder „Gewebe voller Abenteuer“ „Nachtschimmer“.
An jenen Stellen ruft uns eine Zartheit, die ein sehr zerbrechliches lyrisches Ich dahinter vermuten lässt.

Ergänzt werden die „kosmischen“ Texte durch Bilder und Fotos, in Teilen von Chacha Bevoli selbst.

Petra Ganglbauer

Chacha Bevoli: Gedankenströme

Lyrische Texte

Elisabeth Chovanec
Wien 2011

Gedankenströme CoverVom einfachen und vorurteilslosen Umgang mit der Natur, von den Gezeiten, dem Lebens- und Jahreslauf erzählen diese Gedichte; die Naturmetaphorik wird ganz bewusst für seelische Prozesse und die privatesten Momente im Leben „die Stimme verloren/Im Pulsschlag der Nacht“ eingesetzt. Wenig später heißt es im selben Gedicht: „Warte auf die Helle.“
Stets also ist das Hoffnung bringende, die Dunkelheit auflösende Moment jener Impuls, der das lyrische Ich seine Erfahrungen mit der Welt und ihren Geheimnissen machen lässt.
Diese Gedichte sind im eigentlichen Sinn unprätentiös, aber sie machen die Welt des Ungreifbaren, Geheimnisvollen transparent, lassen die Seele der Kristalle, des Wüstensands oder des Teelichts aufleuchten.
Geordnet sind sie in fünf Kapitel, deren hervorstechenster Titel wohl „Lebensoval“ ist.

Die Texte sind Poetiesierungen des Alltags, indem dessen Facetten geprüft und gewendet werden wie die „Heitere Gedankenlosigkeit.“

Ein unaufdringlicher Humor setzt sich in den Gedichten fort und macht sie leicht und das Leben dadurch auch in seiner Schwere verkraftbar.

Petra Ganglbauer