Gertraud Klemm: Hippocampus

Roman

Verlag Kremayr & Scheriau
Wien, 2019

Klemm_hippocampusGertraud Klemm ist eine Meisterin des Hervorkehrens von (trotz der scheinbaren Aufgeschlossenheit unserer Gesellschaft) nach wie vor tabuisierten Themen.
In ihrem neuen Roman geht sie knallhart Bereichen nach, die sich zwischen der Kritik am Literaturmarkt generell und jener aus feministischer Sicht aufspannen.
Doch geht die Autorin auch weit darüber hinaus, denn herein funkt das ganze (Negativ-)Universum von Geschlechterverhältnis, familiären Strukturen und (insgesamt) hierarchischen Gesellschaftsstrukturen.
Anhand der Aufarbeitung von Leben und Wirken der verstorbenen und in ihren letzten Jahren dem Alkohol verfallenen, vom Literaturbetrieb enttäuschten und sohin auch daran gescheiterten feministischen Autorin Helene Schulze, die posthum für den Deutschen Buchpreis gehandelt wird, tobt sich Gertraud Klemm literarisch aus, indem sie sich kein Blatt vor den Mund nimmt.
Elvira, Helenes Freundin und ehemalige feministische Kampfgefährtin, stößt beim Sortieren des Nachlasses und der Utensilien der Verstorbenen auf die unerträglichen Strukturen der Medien- und PR-Maschinerie und wehrt sich, indem sie ein Interview abbricht, das eine Art Nachruf auf die Verstorben sein soll.
Was dann folgt, ist eine Art „Heldinnenreise“ bis nach Neapel, gemeinsam mit dem Kameramann Adrian. Elvira sprengt unterwegs Normen und patriarchalische Muster. Atemlos, pointiert, frech und politisch engagiert erzählt Gertraud Klemm die radikalen Ausritte, welche Elvira unternimmt, um die Biografie ihrer Freundin, ihre Reputation zu zurecht zu rücken.
Gertraud Klemm agiert mit vollem Einsatz: Das Seepferdchen, Hippocampus, wird etwa beispielgebend eingesetzt, weil es das einzige Tier ist, bei dem die Männchen die Jungen austragen und gebären. Ein gelungener Streich, denn Klemm ist selbst auch Biologin. Gegen Ende des Romans, in Neapel, gelingt ein weiterer Geniestreich, als Elvira, da „es ein Fluch ist, als Frau geboren zu sein“, sich unter anderem inmitten all der antiken Kopulationsszenen findet und etwas tut, was bis heute ein „NO GO“ ist!

Wie immer exponiert sich die Autorin, indem sie ihren ungeheuren Sprachfluss mit
kritischen Aspekten anreichert; dennoch ist das Buch von der ersten bis zur letzten Seite spannend und leicht lesbar.
Petra Ganglbauer

Bernd Schuchter: Der Braumüller Verlag und seine Zeit

235 Jahre – eine Verlagschronik 1783 – 2018

Braumüller
Wien 2018

braumueller_chronikEs ist viel die Rede von Literatur, es ist oft die Rede von Autorinnen und Autoren bzw. deren Werken, was jedoch Seltenheitswert hat, ist die Auseinandersetzung mit einer Verlagsexistenz über 235 Jahre:
„Am Vorabend der französischen Revolution sucht der aus Salzburg stammende Johann Ritter von Mösle in Wien um eine Konzession für ein Verlags- und Sortimentsgeschäft an, die er am 26. März 1783 auch erhält. Das ist der Beginn einer mittlerweile 235-jährigen Geschichte, auf die der seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts unter dem Namen Wilhelm Braumüller firmierende Verlag zurückblicken kann.“

Der Autor, Verlegen und Historiker Bernd Schuchter hat sich an die akribische und zugleich im besten Sinn unaufdringliche Recherche gemacht und eine mit wunderbaren fotografischen Aufnahmen illustrierte und ästhetisch aufgemachte Verlagschronik zusammengestellt, die einerseits das Gesellschaftsgeschehen über beinahe zweieinhalb Jahrhunderte aufrollt und andererseits eine Schau auf die spezifische Entwicklungsgeschichte des Braumüller-Verlags selbst eröffnet.
Bernd Schuchter zeichnet den Entwicklungsweg des Verlages im Spiegel der jeweils aktuellen gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse sowie des Literaturbetriebs.

Angesprochen werden auch Tendenzen im Verlagsgeschehen überhaupt:
Beispielsweise „der“ beinahe zeitlose „Kampf der Autoren um eine angemessene Honorarabgeltung“ oder im Speziellen die „wienerische Anbiederung der Verleger an Kunden“, ein Zitat des legendären Gründerzeitverlegers Kurt Wolff, der u.a. Franz Kafka, Georg Trakt oder auch Gottfried Benn herausgab.
Ebenso behandelt werden die technischen Entwicklungen, das je nach politischer Lage wechselnde Leseverhalten, Zensurgehabe, die Auswirkungen der amerikanischen Unterhaltungsindustrie und schließlich auch die Findigkeit Braumüllers:
„Die Wilhelm Braumüller Verlagsbuchhandlung wurde jedenfalls kurz nach den Revolutionswirren im Jahre 1849 zum alleinigen Buchhändler für die neu geschaffene Akademie der Wissenschaften.“
Die Mechanismen des Nationalsozialismus machten auch vor dem Braumüller Verlag nicht Halt. Der Verlag fand sich „in diesen Jahren in widrigen Gewässern, intellektuell gesehen in stürmischer See.“

Hoffnungsfroh macht die aussagekräftige Schlusssequenz des Buches, in der der Verleger Wilhelm Braumüller fiktiv dem idealen Leser begegnet und zu ihm sagt:
„Es geht am Ende nicht nur um den Verkauf. Es geht um die Leserin, den Leser. Es geht um das Buch.“

Ein empfehlenswertes Buch, das auch aus einem idealistischen Gestus heraus gemacht ist.

Petra Ganglbauer

Ingrid Zebinger-Jacobi: Ich lege mein Herz

Kurzgeschichten

edition keiper
Graz 2019

Ich-lege-mein-Herz

Auf eine höchst unprätentiöse und zugleich sensible Weise sind die Kurzgeschichten im vorliegenden Band gebaut. Die Verschränkung aus Schlichtheit und einem ebenso geheimnisvollen wie selbstverständlichen Übergang von der Tagesrealität zur Imagination machen Ingrid Zebinger-Jacobis Buch „Ich lege mein Herz“ zu etwas Besonderem.

Stets unternimmt die Autorin seelische Tiefgänge, Jacobi spricht vom Leben, von unmöglicher, möglicher oder auch imaginierter Liebe oder auch deren Gegenteil – jedoch sie doziert nicht, sie trägt nicht dick auf, sie deutet vielmehr an, setzt raffinierte und pointierte Wendungen ein und lässt die Sprache atmen.

Aus einer liebevollen Zartheit sind diese Geschichten gebaut: „Als du ganz neu warst und unversehrt und die Welt noch aus knallbunten Spielsachen bestanden hat…“

Und etwas weiter im Text: „Dann kam ein Wind auf, blies dich ins Älterwerden, in die Schule und morgendliche Müdigkeit und das Füßestampfen…“

Satzbauspezifika bereichern die Texte, etwa Wortnachstellungen beispielsweise in „Metamorphose“: „…war sie an mir vorübergefahren, die Zeit, hatte mein Leben weit hinter sich gelassen…“

Präzise und zugleich seltsame Bilder verstärken die Wirkung der Texte: „…mein Kreuz schmerzte, mein alter Rücken.“, „…über mir sprang ein Eichhörnchen herum und besah mich wie ein Stück Fleisch.“

Repetitionen verstärken den Nachdruck: „Sie schob es weg, wie immer. Atmete die kühle Luft, schwitzte. Schob es weg.“

Ansprechend ist auch der Titel dieses Buchs, der der Kurzgeschichte „Italienische Reisen“ entnommen ist.

Ein gelungenes Buch!

Petra Ganglbauer

Helwig Brunner: Journal der Bilder und Einbildungen

Essay 68

Literaturverlag Droschl
Graz-Wien 2017

Brunner-Journal-DroschlEine phänomenologische Zusammenschau bietet dieser Essayband, – konzise (Über /) Wirklichkeitssetzungen, die die Interdependenz von Blick und Objekt, von Ich und Welt verdeutlichen.

Ein achtsam und gründlich gebautes Werk, das in „Cuts“ oder Bildschnitte, Abschnitte also gegliedert ist, die sich allesamt im Kontext Kunst / Sprache / Existenz / Wahrnehmung finden und stetig rückgebunden bzw. verstärkt werden durch intertextuelle Bezüge. (Ein reicher Zitatenschatz aus Philosophie, Literatur oder Wissenschaft).
Dieses Journal offenbart zudem Welt in all ihren Facetten, – sie spiegeln einander, der Körper, die Sinne, die Religion, das Metaphysische, die Literatur und die Natur.
Alltagssequenzen wechseln mit Videoeinstellungen, imaginäre Bilder mit Ausstellungen, Kindheitserinnerungen sind in dem Buch ebenso enthalten wie der manifestierende Satz „Wir sind Weltkulturerben.“ Manches wirkt wie hingesprenkelt, leuchtend, chromatisch, anderes wiederum taucht tief ab.

Spannend ist dieses Werk darüber hinaus, weil es nebst immerwährender menschlicher Fragestellungen auch das aktuell Politische berücksichtigt. So gesehen wird die Qualität der in diesem Band angesprochenen zeitlosen (ewigen) Themen auf die Höhe der Zeit gehoben! Die von Helwig Brunner ausgewählten Zitate fügen sich in schöner Korrespondenz seinen eigenen tiefgehenden Überlegungen und konzisen Beobachtungen.

Ein Buch das man, einmal zu lesen beginnend, nicht mehr so leicht aus der Hand legt!

Petra Ganglbauer

Erika Kronabitter: La Laguna

Roman

Verlag Wortreich
Wien 2016

Erika Kronabitter arbeitet seit Jahren konsequent im Kontext verschiedener literarischer Gattungen, mehr noch, sie unternimmt Quergänge, Übergänge, Grenzüberschreitungen und setzt ihre Bücher auch immer wieder konzeptuell um.
Jüngstes Beispiel ist ein Roman, der auf autobiografischer Erfahrung basiert, dahingehend auch Geheimnisse transparent werden läßt und doch und dennoch – beinahe raffiniert – auch mit dem Krimi-Genre spielt und eine sehr geordnete Gliederung aufweist:
Kapiteltitel (und seien die Texte, Kapitel auch bisweilen kurz), die Klarheit signalisieren. Ebenso finden sich in diesem Roman E-Mail-, wie auch Behördenzitate.
Der Roman ist also dergestalt aufgebrochen und gewinnt trotz einer gewissen Schwere des Themas an formaler Leichtigkeit!

Das Buch umkreist die Liebe von Hanna und Beppo Ende der Fünfziger Jahre / Anfang der Sechziger Jahre – die Rede ist aber auch von Elena, der gemeinsamen Tochter – und zeichnet , trotz Handlungsintensitität (ein ungeklärter Mordfall) und Plastizität, auf eine ganz eigene, sensible und behutsame Weise die Charaktere und Situationen „Im Nochdunkel drang ein Wischen in den Schlaf…“

Was sich im Laufe der Geschichte abzeichnet, ist mehr als mysteriös – die Autorin erzählt ihren mithin sehr authentischen Zugang, ihre Version eines Geschehens.

Ein Buch, das sich gerade jetzt, in dieser anregenden, aktivierenden Jahreszeit (es ist Sommer) überallhin mitnehmen und Passage für Passage gut und auf spannende Weise erkunden lässt.

Petra Ganglbauer

Dine Petrik: Funken.Klagen

Gedichte

Verlag Bibliothek der Provinz
Weitra 2016

Eine entschiedene, souveräne lyrische Stimme artikuliert sich im vorliegenden Band, eine Stimme, die von großer Produktivität spricht.

Dine Petrik, Verfasserin zahlreicher Bücher, steckt konsequent verschiedenste inhaltliche Bereiche ab und doch liegt über dem Band eine grundsätzliche Stimmung, die sich aus Geschichte und (An)Klage, metaphorischen Landschaftsexkursen, dem Intimsten oder auch Reiseeindrücken heranbildet.

Bestärkender (!) Trotz, Widerspruch, Widerhall artikulieren sich da auch als konsequent lyrische, rhythmische Setzung, die bisweilen staccatoartig lauter wird, das innere Ohr oder Auge trifft und anspringt. Wie der Titel besagt, werden poetische Flammen entfacht, sie leuchten und zischen und laden alles, wovon die Rede ist, auf. Hinter jeder Passage, wenn auch meist nicht explizit, steht Haltung, – diese Gedichte zeugen von einem starken Rückgrat!

Gustave Flaubert leitet den Band ein – die Kapitel sind mit BURLESK, PITTORESK und GROTESK übertitelt und stecken die Empfindungsräume gewissermaßen ab.

Empfehlenswert.

Petra Ganglbauer

Rudolf Kraus: warten auf beckett

sprachminiaturen

Verlagshaus Hernals
Wien 2016

Deftig, heftig sind die meisten, der meist einem Autor, Musiker, einem Künstler, Schauspieler etc. gewidmeten Gedichte, explizit und expressiv (eines ist demgemäß August Stramm gewidmet) – zwei der Gedichte allerdings fallen sofort ins Auge, es sind jene, die sensibel den Blick auf die Welt richten, jenes, das der Autor sich selbst widmet „… stumm bin ich wieder / herbstfrischlingskind“ und jenes mit der ersten (TItelzeile?) „der schlaf hat innere Augen“ – sie sind von einer gewissen Zartheit im Umgang mit Wahrnehmung!

Die übrigen sind in der Mehrzahl laute, grelle, trotzige Worterhebungen: „wenn die Fackel brennt“ (an karl kraus etwa, „fettes blau / brennt sich ins papier“ (für hermann permann; unter den Texten sind auch Repliken auf Bücher wie zum Beispiel „Dreizehnter Würfel“ von Zsuszanna Gahse.

Als Eingangsgedicht findet sich „Krausrudi – Leopoldrudi“ von Hermann Permann.

Ein Buch, das die Verständigung mit Dichterinnen und Dichtern sowie deren Werken aufnimmt!

Petra Ganglbauer

Herbert J. Wimmer: Wiener Zimmer

100 Gedichte

Klever Verlag
Wien 2014

Das von Elfriede Gerstl stammende und den Gedichten vorangestellte Motto, das an dieser Stelle nicht verraten werden soll, um das Interesse den Band selbst zur Hand zu nehmen zu wecken, steht gewissermaßen stellvertretend für die im Buch versammelten Gedichte.

Lakonische Notate, lyrische Möbiusschleifen, die, obgleich nicht selten aus Listen gespeist, diese in ihrer Ausrichtung gedanklich oder auch formal gekonnt unterwandern, indem sie gegen Ende der Texte dergestalt abweichend sind, daß es kein Ziel, keine plausible Erklärung oder Antwort auf die existenziellen Fragen des Lebens gibt.

Oft treffen Gegenpole aufeinander: „erinnern wollen/ und vergessen wollen/ im selben augenblick“, Dispositionen, die das einfache rationale Fassungsvermögen nicht zu verarbeiten imstande ist; dadurch entstehen Reibungen, Denkanstrengungen und viel mehr noch, das Darüberhinausgehende.

Ein komplexer sprachspielerischer Band, der voll Komplexität steckt; in „Wiener Zimmer“ lebt ein kleines Sprachuniversum voll Esprit!

Petra Ganglbauer

Christine Huber: Sand im Gegenschuss

Edition Art Science
Wien und St. Wolfgang 2015

Gedichte, die sich dem Getriebe der Sprache und des Lebens überlassen – dezentralisierte Wort-Standorte ohne jeglichen Zwang zu einer linearen oder gar chronologischen Steuerung finden sich in reichem Ausmaß in dem vorliegenden Band, der Zyklen aus mehreren Jahren enthält – Dynamiken von Sprachläufen, Reflexionen, die ohne lyrische Sprechinstanz auskommen oder hinter denen sich eine solche geschickt verbirgt.

Mitunter muten die kurzen prägnanten Gedichte wie eine Miniatur-Schau auf Wirklichkeit an, das Periphere, Randständige, den Saum des Lebens unter die Lupe nehmend. Geräusche mischen sich ein, Bewegungen, Schattenrisse.

Gegen Ende des Bandes schließen die Texte kleinste Erzähleinheiten mit ein, die Leserin fällt sofort der Konvention anheim und rechnet mit einer Spur, einer Fährte – diese jedoch entzieht sich, entgleitet, bricht ab oder löst sich auf.

Darüber hinaus ergänzen die von der Autorin gefertigten Grafiken und Stempeldrucke kongenial die Gedichte, indem sie formale und strukturelle Spiegelungen sind!

Ein spannendes Buch, das zu intensiver Auseinandersetzung einlädt!

Petra Ganglbauer

Thomas Havlik: Syllables Shooter

30 Milliarden Silben
Audio CD

edition zeitzoo, www.zeitzoo.at
Wien 2015

Thomas Havlik, Autor, Soundpoet, Performer bezieht in seine akustische Arbeit nicht nur eigene Texte und Versatzstücke aus gebautem und gesammeltem Audiomaterial heran, sondern auch von anderen Künstler/inn/en eingesprochene Silben, Phoneme oder Samples sowie diverse Geräusche (auch jene von Maschinengewehren) oder auch Instrumentales von Kolleg/inn/en.

Die auf dieser ausgewählten und sowohl hinsichtlich der Audiostücke als auch der Bilder und Texte im Booklet ausnehmend spannend gestalteten CD enthaltenen Werke, sind – wie alle Arbeiten des Autors – in ihrer Brechung der spätkapitalistischen Verhältnisse und gesellschaftlichen Normen – ganz und gar auf der Höhe der Zeit angesiedelt.

Die Sprache der beigefügten und vom Autor selbst gelesene Texte, die immer wieder mit dem Soundmaterial interagieren, mutet wie eine Metasprache an, wohl auch durch die bewusste Häufung von Substantiven – auch wenn sie von gesellschaftlichen Involviertheiten erzählt: Die Wahrnehmungsperspektive ist in diesen Arbeiten jedenfalls eine ganz eigene, singuläre.

Und aus den insistierenden akustischen Anläufen wächst darüber hinaus gewissermassen bisweilen eine Neusprache etwa in „TAUMUR.“

Das akustische Potenzial des Autors ist nuanciert und weit gefasst.

Eine spannende Sammlung der jüngsten Arbeiten von Thomas Havlik.

Petra Ganglbauer